UdK Berlin
Text: Anne Mareile Moschinski

In der Modenschau "anziehend-untypisch"
präsentierten UdK-Studenten aus dem Fach
Bekleidungsgestaltung im September 2005 ihre Arbeiten.
Foto: Matthias Heyde
Mehrere Plastikfiguren stehen im Unterrichtszimmer von Professor Stephan Schneider. Maßbänder sind über die Schultern der Puppen geworfen, einige tragen Blusen, an denen ein Ärmel oder der Kragen fehlt, an anderen hängen lange weiße Stoffbahnen, die erst noch zurecht geschnitten und vernäht werden müssen, bis daraus fertige Kleidungsstücke entstehen. Zwischen den Plastikpuppen steht Joel Horwitz. Er arbeitet gerade an einer schlichten, weißen Baumwollhose mit schräg angeschnittenem Bund. „Fertig bin ich mit diesem Entwurf noch nicht. Die Gürtelschlaufen sind beispielsweise nicht appliziert und angepasst“, sagt der 26-jährige. Er studiert im 8. Semester Bekleidungsgestaltung an der Berliner Universität der Künste (UdK) und besucht zurzeit die Klasse von Modedesigner Stephan Schneider. Dieser trat im April die Nachfolge von Vivienne Westwood an und übernahm ihre Professur. Im Moment arbeitet er mit seinen Studenten an einer menschlichen Silhoutte, die in drei vollkommen unterschiedlichen Varianten eingekleidet werden soll: „Neutral“, „akademisch“ und „extrem“. Mit der ersten Version beschäftigt sich derzeit Joel Horwitz.
Kreativität statt Trendanalysen
„Bei
dieser Aufgabe geht es darum, unterschiedliche Kleidungsstile
umzusetzen. Als Erstes soll ein alltagsaugliches, tragbares Outfit
kreiert werden, die zweite Variante ist schon etwas auffallender.
Beim dritten Outfit schließlich sollen die Studierenden ihrer
Kreativität freien Lauf lassen und exzentrische Kleidungsstücke
entwerfen“, erklärt Stephan Schneider. 1994 machte er seinen
Abschluss in Modedesign an der Akademie in Antwerpen, seit 1995
besitzt er sein eigenes Label und ist damit in weltweit mehr als 70
Geschäften vertreten. Die rund 70 Studierenden im Fach
Bekleidungsgestaltung unterrichtet er derzeit zusammen mit den
beiden Professorinnen Valeska Schmidt-Thomsen und Grit Seymour.
Besonders wichtig ist es dem Trio, die angehenden Modedesigner nicht
in festgefahrene künstlerische Raster zu pressen, sondern statt
dessen ihre individuelle Kreativität zu schulen. „Es geht bei uns
nicht um Marktbeobachtung oder Trendanalysen. Statt dessen spielt
das Gefühl von Freiheit eine große Rolle in unserer Arbeit. Denn
den Studenten soll kein bestimmter Stil, keine Handschrift
vorgegeben werden. Sie sollen ihren eigenen Markt kreieren“, sagt
Stephan Schneider. Und damit dies auch gelingt, gibt es viele
praktische Projekte an der UdK, durch die die künftigen Designer in
Kontakt mit der Modebranche kommen. So nehmen sie beispielsweise an
internationalen Modewettbewerben teil, um ihre Arbeiten der Öffentlichkeit
zu präsentieren und ihren Namen dadurch bekannt zu machen. Außerdem
werden regelmäßig Gastdozenten eingeladen.
Derzeit unterrichtet ein japanischer Designer die Studierenden in
der Kunst der so genannten „Drapage“. Hier wird als Erstes
direkt an der Puppe gearbeitet, die Zeichnungen kommen später.
„Beim Drapieren probiert man direkt aus, wie die Falten der
Kleidungsstücke fallen. Für die Wirkung eines Entwurfs spielt das
eine große Rolle“, erklärt Stephan Schneider. Und auch Joel
Horwitz sagt: „Man lernt durch die dreidimensionale Arbeit an der
Puppe viel über Design. Man schaut hier zuerst, wie der Stoff fällt
und beginnt dann damit, es aufzuzeichnen.“
Er selbst arbeitet in erster Linie mit schlichten Schnitten und
knalligen Farben: Blau, Rot, Weiß, die Grundtöne beherrschen die
Kollektionen des 26-Jährigen.

Entwürfe
aus der Kollektion von
UdK-Studierenden
Foto: Matthias Heyde
Beworben
hatte sich Joel Horwitz an der UdK ursprünglich, weil ihn die
Professur von Vivienne Westwood reizte. Doch auch die umfangreiche
Aufnahmeprüfung sprach nach seiner Ansicht für ein Studium an
dieser Hochschule. Denn um an der UdK einen Studienplatz zu
bekommen, müssen die Bewerber zunächst die Vorauswahl erfolgreich
absolvieren. Diese besteht aus einer Hausaufgabe, in der es darum
geht, seine gestalterischen Fähigkeiten zu präsentieren und
technisches Verständnis zu zeigen. Wer diese Hürde genommen hat,
wird direkt an die UdK zu einer zweitägigen Zugangsprüfung
eingeladen. Hierzu müssen die Bewerber eigene Arbeiten mitbringen
und künstlerische Aufgaben bearbeiten. „Mir hat es gefallen, dass
die Hochschule nicht jeden nimmt. Doch Konkurrenzkämpfe gab es
nicht. Der Zusammenhalt unter den Bewerbern war statt dessen sehr
groß. Schon allein deshalb wollte ich hier studieren“, sagt Joel
Horwitz, der ursprünglich aus der Nähe von Düsseldorf stammt.
Schon während der Schulzeit war er von der Mode und dem Nähen
fasziniert, nach seinem Abschluss entschied er sich zunächst für
eine Lehre als Damenschneider, bevor er schließlich an die
Hochschule wechselte. „Wenn man vor dem Studium eine Ausbildung
zum Schneider gemacht hat, hat das allerdings nicht nur Vorteile.
Denn technische Kenntnisse können die Kreativität auch hemmen. Man
denkt dann beispielsweise oft darüber nach, ob sich die eigenen
Ideen auch umsetzen lassen“, erklärt Joel Horwitz. Auch Stephan
Schneider sagt: „Eine Schneiderlehre kann durchaus die Kreativität
einschränken. Erfahrung ist nämlich nicht das Wichtigste bei einem
Modedesign-Studium. Entscheidend ist, dass man eine ausgeprägte
Passion für die Mode und ein Ziel vor Augen hat.“
Unterricht
in aktuellen modischen Strömungen
Unterteilt
ist die Ausbildung an der UdK in zwei Segmente: das Grund- und
Hauptstudium. Der Studiengang Bekleidungsgestaltung ist dabei ein
Teil des so genannten „Industrial Designs“, auch die
Studienrichtungen Produktgestaltung und Textilgestaltung gehören
hier dazu. Die ersten zwei Semester aller drei Studienrichtungen
verlaufen im Grundstudium daher parallel, erst danach erfolgt eine
Spezialisierung. Theorie und Praxis werden dabei miteinander
verbunden: Über Ergonomie, Farben- und Formenlehre sowie Kostümgeschichte
wird ebenso unterrichtet, wie über aktuelle modische Strömungen,
wie beispielsweise die des Gothic. Näh, Strick- und Siebdruckwerkstätten
stehen für den praktischen Ausbildungsteil zur Verfügung, eine Färbewerkstatt
soll künftig noch eingerichtet werden. „Die UdK ist maschinell
wirklich sehr gut ausgerüstet“, betont Stephan Schneider. Für
ihn ist es wichtig, dass die Studenten nach Abschluss ihres Studiums
über große Professionalität verfügen, zwar technisches und
theoretisches Hintergrundwissen besitzen, Kreativität für sie
jedoch weiterhin an vorderster Stelle steht. „Unsere Absolventen
werden sicher keine Kostümbildner oder Schnittdirectricen. Statt
dessen werden sie ihre eigenen Kollektionen kreieren und Projekte
leiten. Dafür bilden wir sie hier aus“, sagt Stephan Schneider.
Weitere
Informationen zu den Bewerbungsmodalitäten unter:
www.udk-berlin.de
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Stand: 06/2007
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