März 2009: Reportage Schuhmode in Berlin, Teil 2
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Text: Anna Lucht
Fotos: © modekultur.info

Riccardo Cartillone
Filiale am Savignyplatz in Charlottenburg
Berlin macht Schuhle
Es ist nass in Berlin. Barfuss oder Lackschuh? Trippen? Ohne
Schuhe läuft gar nichts in Berlin. Es liegen viele Hundehaufen herum
und weite Wege durch die U-Bahnen erfordern eigentlich bequemes
Schuhwerk. Also doch Zeha? Mensch Görtz, was wäre mit gleich zwei
Paar … Scandalo! und ab durch die Pfütze: Schuhbidu!
Es sind nicht nur die Namen der zahlreichen Berliner Schuh-Geschäfte,
die sich an Kreativität und Vielfalt übertreffen, es ist auch das
Angebot. In vier Läden sind wir eingetreten und haben uns
umgesehen.
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„Wieso nicht mal ein Paar blaue oder gelbe tragen?“ Diese Farben nimmt Udo Robakowski in sein Sortiment, sobald Kunden danach fragen. |
Meist hätten diese so etwas im Ausland gesehen und seien
dann bereit, etwas zu wagen. Bei Schuh Konzept in der
Bleibtreustrasse 4 ist das Sortiment für Damen- und Herrenmodelle
dennoch sehr klassisch. Der Schwerpunkt liegt auf rahmengenähten
Schuhen. Der Vorteil: „Hiermit können Sie durch einen Bach waten,
ohne dass sie auseinander fallen, weil sich die Naht nicht auflöst.“
Solch ein Schuh kann bei regelmäßiger Pflege bis zu 20 Jahre überleben.
Allerdings sollte er nach dem Tragen 2 bis 3 Tage ruhen und
trocknen, um sich zu regenerieren.
Und was kostet so ein Paar?
„Ein guter Schuh sollte so wenig wie möglich kosten. Ein vernünftiges
rahmengenähtes Herrenmodell bekommt man ab 350 Euro“, so
Robakowski. Ein rahmengenähter Damenstiefel kann auch bis zu 1500 Euro
kosten. 4 Paar aus Pferdeleder sind bei Schuh Konzept bereits über
die Ladentheke gegangen.
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Udo Robakowski spricht gerne über Qualität und Pflege. Die Kombination von Verkauf und Schuhkosmetik unter einem Dach ist kundenfreundlich. |
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Beim Erwerb eines Paares erhält man die Schuh-Konzept-Card, womit eine kostenlose Oberlederpflege ein Schuhleben
lang inbegriffen ist. Dies bedeutet unter anderem auch Wäsche. Udo
Robakowski greift ins Regal und holt einen Damenschuh aus
Veloursleder, hält ihn ausgiebig unter lauwarmes Wasser und seift
ihn mit einer Spezialseife ein. „Mit diesem Schwamm reibe ich den
Schmutz ab, nach dem Waschen trockne ich den Schuh mit einem
Handtuch und raue ihn im feuchten Zustand mit einer Messingbürste
auf.“ Danach legt er ihn auf die Stäbe zum Trocken in das Regal.
Ist er richtig trocken, wird er mit einer Creme aufpoliert und
erstrahlt in neuem Glanz.
Schon beim Eintreten fällt die Liebe zum Detail auf: statt einer
Türklinke greift man einen Leisten. In den Regalen stehen nicht nur
Schuhe, sondern neben Palmenwachsschuhcremes in verschiedenen Farben
auch Tiegel-, Rosshaar-, Ziegenhaar- und Kokosbürsten in
verschiedenen Größen. Schuhcreme in sämtlichen Farben kann auch
frisch aus den eleganten weißen Bottichen abgefüllt werden.
Besonders edel ist eine schwarze Schuhpflegebox, ein „beauty case
für Schuhe“ für 850 Euro.
Auf März 2008 freut sich Robakowski sehr. Ab dann wird es bei Schuh
Konzept die edlen Schuhe von John Lobb zu kaufen geben - „das ist
wie ein Ritterschlag!“
Nachhilfe aus Italien
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Das Team von Riccardo Cartillone ist sich einig: „Schuhe deutscher Marken sind eher langweilig, konservativ und unsexy.“ Ganz anders die Kollektionen der über 30 Marken bei Riccardo Cartillone. Diese sind immer trendy hinsichtlich Modell und Farbe. |
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Manchmal ein bisschen verrückt, manchmal ein Touch Nostalgie, oder eine elegante Variante eines klassischen schwarzen Halbschuhs. Es sind nicht nur die Damenmodelle, die verführen, sondern auch die der Herren. Teilweise ist kaum zu entscheiden, welche schöner sind. In der Filiale in der Oranienburger Str. 85 stehen die Paare der einzelnen Kollektionen immer beieinander. Der Trend lässt sich mit wenigen Blicken ablesen: Stiefel in schwarz, braun oder grau mit flachem Absatz, vorne rund oder breit, Pumps in der Trendfarbe Metallic, in Silber oder Gold. Die Marken kommen hauptsächlich aus Italien und Spanien. Allerdings finden sich auch einige von japanischen oder belgischen Designern. Dabei handelt es sich vornehmlich um berühmte Designer wie beispielsweise Chie Mihara oder Dirk Bikkembergs, ein Vertreter der sogenannten „Antwerp Six“. Die Hausmarke Riccardo Cartillone wird in der Region Marche in Italien produziert. Nur kaufen kann man sie in Italien nicht, der Vertrieb beschränkt sich noch hauptsächlich auf Deutschland. Das eigene Label ist im Vergleich zu den anderen Marken, die im Shop angeboten werden, „tragbarer, casual, also für den Alltag tauglich“, sagt Joree, seit 6 Jahren Fachverkäufer bei Riccardo Cartillone. Nicht aber günstiger. Leider. Ein Paar Schuhe kostet zwischen 100 und 400 Euro.
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Die in unmittelbarer Nähe in den letzten Jahren eröffneten Schuhboutiquen bringen Joree nicht in Sorge. Er schmunzelt: „Ich könnte jetzt sagen, dass unser Service besser ist, usw. …“, |
er denkt nach und nennt einen weiteren Vorzug von
Riccardo Cartillone: „was viele nicht wissen, ist, dass wir trotz
der überwiegend italienischen Hersteller die Größen 35 bis 42 führen.
Außerdem sind wir nicht zu verspielt, gehen mit der Mode und
sind tragbar.“ Joree kennt seine Marken, die besonders schönen
Schuhe des Sortiments und weiß bei Stilfragen zu beraten: Zu einer
grauen Röhrenjeans würde Joree für Herren Schlüpfschuhe
empfehlen, für Damen Stiefeletten bis zum Knöchel. In Anbetracht
seiner eigenen 70 Paar Schuhe kann man seinem Urteil voll und ganz
vertrauen.
Große Qualität
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Ebenfalls auf Italien setzt Frau Wachotsch von Grandezza. Nicht
nur das Sortiment kommt haupt- |
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Sie wird dort produziert, weil Italien die „Hochkultur der Schuhfabrikation“ sei, es gäbe dort eine einmalig lange Tradition in der Lederverarbeitung. Qualität ist wichtig bei Grandezza. „Wenn das Vorderteil und der Absatz eine gute Linie ergeben“, die „Proportionen gut im Verhältnis zueinander stehen“, dann sieht auch der Schuh gut aus. Ein schlecht proportionierter Schuh könne auch in Größe 38 riesig wirken. Dass Schuhe in großen Größen schön und zierlich aussehen, beweist schon ein erster Blick ins Schaufenster von Grandezza in der Passauer Str. 8-9, gleich neben dem KaDeWe. Ein Bild weist darauf hin, dass hier Damenschuhe in den Größen 41 bis 45 – ausschließlich – erhältlich sind. Angesichts des vielfältigen Angebots an hochwertigen Marken (Bogner, Brunate, Tanja Jannetti, Franco Visconti, Thierry Rabotin, Unisa, Stuart Weitzman u.a.) und ihren modischen Modellen ist es schade, dass meine Füße zu klein sind. Der Dauerrenner der Saison waren Ballerinas jeglicher Farbe. Das Angebot für große Füße deckt alles ab: es gibt elegante Abendschuhe mit Absätzen von 6 bis zu 9 cm Höhe, Plateauschuhe, Stiefel, Straßenschuhe, selbst ein sportlicher, eleganter schwarzer Laufschuh ist zu finden. Es gibt Keilabsätze, kräftige Absätze und die Modefarben schwarz, grau, braun und Lack.
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Die Preisspanne reicht von 100 Euro für Straßenschuhe bis 400 Euro für ein paar Stiefel. Mode und Trend bleiben bei Grandezza nicht auf der Strecke. |
Denn gerade dafür ist Grandezza gegründet worden. Frau Wachotsch,
selbst eine große Frau mit Schuhgröße 42 ½, war zu häufig enttäuscht
über die schlechte Platzierung großer Schuhe in den Geschäften.
Abseits, in kleinen Gängen waren meist nur „recht altertümlich,
altbackene Modelle“ zu haben. Deshalb spezialisierte sich Grandezza auf hochwertige Schuhe in großen
Größen, die eine modische Aussage beinhalten. Über berühmte
Werbefüße hat Frau Wachotsch zwar noch nicht nachgedacht, könnte
sich aber die großen Füße von Uma Thurman, Paris Hilton,
Veruschka von Lehndorff oder Steffi Graf vorstellen.
Das Maßwerk
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Ein Kleinod der Schuhkunst befindet sich in der Manteuffelstr. 41, in unmittelbarer Nähe zur U-Bahnstation Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg. |
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Im Showroom von Meier & Schöpf sind eine Vielzahl
Unikate in kreativem Design zu sehen: ein Schuh des 19. Jahrhunderts
kopiert und neu gefertigt, ein verspielter Damenpumps mit rosa
Schleife, die geschickt einen Hammerzeh verbirgt, irre hohe
Plateaustiefel in hellgrün mit gelbem Muster, die bis zum Knie
reichen, ein Ganzkörperanzug, der bis zur Sohle reicht, für einen
Filmauftritt von Charlize Theron ein klassischer schwarzer
Herrenschuh. Was auch immer gefertigt werden soll, es wird gemacht.
Ein Maßschuh ist „der Porsche unter den Schuhen“ sagt Christine
Schöpf. Er hat eine längere Lebensdauer, eine bessere Reparaturfähigkeit,
das beste Material und natürlich die beste Passform. Solche Schuhe
sind begehrt. Ein Blick zur Decke macht die Fülle der Aufträge
sichtbar. Die Leisten der seit 1992 angefertigten Schuhe sind
ringsum aufgehängt und machen die Werkstatt zum Museum. Auch
Leisten berühmter Füße sind darunter: von Charlotte von
Mahlsdorf, Erica Fischer, Sarah Wiener und Barbara Bongartz.
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Es gibt bereits eine Warteliste, denn ein Maßschuh benötigt Zeit. Rund 100 Arbeitsschritte werden auf 2 bis 6 Monate verteilt. Die Kosten betragen um die 860 Euro. 125 Euro Aufschlag kommt hinzu, falls Kunden eine Rahmennähung wünschen. |
Die Leisten werden aufbewahrt und können in den meisten Fällen für die Anfertigung eines neuen Paares verwendet werden. Dies lohnt sich allemal, denn dann beträgt der Preis nur noch 200 Euro! Wem auch das noch zu viel ist und wer dennoch einmal einen Schuh nach Maß haben möchte, kann sich Holzpantinen fertigen lassen. Der Preis hierfür liegt nur zwischen 89 bis 119 Euro. Auf einem Brett stehen fertige Probemodelle in allen Größen. Einmal ein passendes Unikat besitzen! Dann gibt’s auch nicht mehr die Qual der Wahl. Oder doch?
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Ausgabe Oktober 2007





















