Reportage "Schmuck in Berlin, Teil 2": >>jetzt lesen
Architektonische
Formen und florale Muster
modekultur.info hat vier Berliner Schmuckdesigner besucht, die
keine Entwürfe von der Stange anfertigen.
Text: Anne
Mareile Moschinski und Jörg Buntenbach

Foto: Ring Nicole Dietsch
Zauberperlen am Gendarmenmarkt
Eine
riesengroße Zuchtperle aus Australien legte den Grundstein für
das Weltpatent, das Gabriele Weinmann seit 2001 besitzt. Sie hatte
als erste Schmuckdesignerin die Idee, in Perlen Edelsteine
einzuschleifen und sie so zu Zauberperlen zu machen. Diese Erfindung
ließ sich die
51jährige schützen, nun kann man die kreativen
Perlenunikate aus den hell ausgeleuchteten Vitrinen ihres Ladens „Caricia“
am Gendarmenmarkt kaufen. Seit einem Jahr besteht das Geschäft mit
angegliedertem Atelier nahe der Berliner Friedrichstraße. „Ich
habe in Heidelberg 1989 mein erstes Geschäft eröffnet, doch meine
Kunden sind beinahe in der ganzen Welt zu Hause. Deshalb entschloss
ich mich 2006 zu einem neuen Geschäft in der Hauptstadt. Berlin ist
Weltstadt, und Kreativität spielt hier eine große Rolle. Berlin
ist Herausforderung!", schwärmt Gabriele Weinmann.

Foto: Caricia Schmuck
Von der
neuen Umgebung inspiriert, schuf die ausgebildete
Juwelengoldschmiedin und studierte Schmuckdesignerin mit ihrem Team
eine zweite Kollektion von Halsketten und Ringen. "Berlin"
hat sie diese schlicht genannt. Edelsteine sind hier an Kunststoffbändern
in kräftigen Farben befestigt – dabei sind die Ketten so
verarbeitet, dass asymmetrische Formen entstehen. „Mit diesen
Materialkombinationen wollte ich etwas Unkonventionelles, Freches,
Bunt-Provokatives kreieren. Der Stil passt zur Stadt.", so die
Designerin.
Der Schwerpunkt der „seriösen" Kollektion, wie
sie schmunzelnd sagt, sind die Zauberperlen. Das sind hochwertige
Perlen aus der Südsee, Tahiti, Australien, Japan und China mit
Lichtfenstern aus funkelnden Edelsteinen. „Design, Material und
Handwerk von bester Qualität ist der Anspruch von Caricia und die
Tragbarkeit ist Grundvoraussetzung. Doch das Wichtigste sind die
Menschen, durch sie habe ich die Ideen und für sie ist der Schmuck
gemacht“ sagt Gabriele Weinmann.
Kreative Verarbeitung von Blättern und Federn

Ähnliches treibt auch die Schmuckdesignerin Nicole Dietsch an. Die Betonung der individuellen Persönlichkeit ist ihr beim Anfertigen von Entwürfen besonders wichtig. „Schmuck darf den Stil einer Person nicht verändern. Ketten, Ringe oder Broschen sollen den Charakter unterstreichen. Bei persönlichen Anfertigungen achte ich sehr darauf“, sagt die 44-Jährige. Nicole Dietsch besitzt seit achteinhalb Jahren in einer Seitenstraße des Ku’damms ein Schmuckgeschäft. Direkt hinter dem Eingang, zwischen den Vitrinen, hat sie ihre Arbeitsstätte platziert. Hier schmilzt sie das Material, schleift es, bringt es in Form, und die Kunden können ihr dabei über die Schulter schauen. „Das kommt gut an. Denn so können sich die Leute vor Ort überzeugen, wie weit ich mit ihrem bestellten Ring bin.
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Wenn ich ohne bestimmten Auftrag arbeite, bestelle ich zuerst das Material, überlege dann, was mir dazu einfällt.
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Zeichnungen
fertige ich im Voraus nicht an. Meist sind es organische Formen, Blätter
oder Federn, die ich künstlerisch verarbeite“, erklärt die
Designerin und holt aus einem Glasschrank einen schmalen Ring aus
Gold. „Oft entstehen meine Arbeiten auch aus einem bestimmten Bedürfnis
heraus. Dieses Schmuckstück habe ich vor vielen Jahren für mich
selbst angefertigt, weil ich einen Ring brauchte, der in die
Hosentaschen einer engen Jeans passt.“
Ausgebildet
wurde Nicole Dietsch als Gold- und Silberschmiedin, die staatliche
Berufsfachschule für Glas und Schmuck absolvierte sie hierfür im
bayerischen Kaufbeuren-Neugablonz. „Für mich gehören diese
beiden Berufe zusammen“, sagt die gebürtige Berlinerin. In ihrem
Charlottenburger Laden werden daher neben Schmuck auch Teekannen, Löffel
oder Serviettenringe aus Silber präsentiert. Viele ihrer Arbeiten
sind variabel, es gibt Ohrringe, an denen sich Perlen abnehmen oder
Edelsteine austauschen lassen. Denn das Wichtigste ist der
Designerin, dass sich die Käufer mit den Anfertigungen wohl fühlen.
Kunstausstellungen
zwischen Schmuckkollektionen

Foto: Leon Lazar & Semper
Halskette - Morganit, 750 Rotgold, Rotgoldgeflecht
Auf individuelle Vorstellungen ihrer Kunden gehen auch Panagiotis Tsavdaridis und Judith Semper ein. In ihrem Schöneberger Geschäft „Leon Lazar & Semper“ bieten die beiden Schmuckdesigner seit Anfang des Jahres Kurse an, in denen an wenigen Tagen die Herstellung eines kompletten Schmuckstücks erlernt werden kann. Während der Lehrgänge werden Skizzen angefertigt, Material eingeschmolzen und geformt. „Die Leute sind glücklich, wenn sie einen selbst gefertigten Ring mit nach Hause nehmen können“, berichtet Panagiotis Tsavdaridis, in dessen Familie die Goldschmiedekunst eine lange Tradition hat. So fertigten schon Vater und Großvater glamourösen Schmuck an.
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In kleinen, gläsernen Paternoster-Aufzügen präsentieren „Leon Lazar & Semper“ ihre Arbeiten, es gibt breite Silberringe für Paare, in die das Wort „Liebesbeweis“ eingraviert ist, oder Ketten aus filigranem, gehärtetem Draht, mit blauen und orangen Steinen.
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„Mit solch ungewöhnlichen Farbmischungen arbeite ich gern. Ich orientiere mich aber auch an aktuellen Trends und an den Jahreszeiten. Im Winter kann es beispielsweise vorkommen, dass ich mit Formen arbeite, die an Schneekristalle erinnern“, berichtet Judith Semper, die ursprünglich Maskenbildnerin am Theater werden wollte, sich schließlich jedoch für ihre zweite, große Leidenschaft, den Schmuck, entschied. Das künstlerische Interesse der beiden Designer offenbart sich auch in der Gestaltung ihres Ladens. Großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien, auf denen puristische Architektur im Bauhaus-Stil zu sehen ist, hängen an den Wänden. „Die Kunstausstellungen gehören zu unserem Konzept“, sagt Judith Semper. Alle sechs bis acht Wochen stellt ein neuer Künstler seine Arbeiten im Laden aus.

Foto: Feinschmiede
Ansteckschmuck, 925 Silber, Feingoldplattiert
Die Faszination für die bildende Kunst ist bei Traudl Kammermeier ebenfalls spürbar. Nach einer Ausbildung zur Goldschmiedin studierte sie Schmuckdesign an der Akademie für Bildende Künste in München. „Ich hatte schon immer eine kreative Ader, habe gezeichnet und gemalt. Eigentlich wollte ich Bildhauerin werden, habe mich dann aber wegen der besseren beruflichen Perspektiven für den Schmuck entschieden“, erzählt die Designerin, deren Arbeiten bereits vom Shop des Museums für angewandte Kunst in San Francisco gekauft wurden.
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Auch in ihrem Charlottenburger Laden „Feinschmiede“, den sie zusammen mit Tochter Judith führt, wird der konzeptionelle Bezug zur Kunst sichtbar.
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Neben Ohrringen und Ketten, die an florale Arrangements erinnern, gibt es ein breites Schmucksortiment, das sich an architektonische Formen anlehnt. So liegen in den Vitrinen dreidimensionale Broschen, die geometrische Grundformen zitieren. „Als ich vor rund 25 Jahren von Bayern nach Berlin zog, haben mich die Bauwerke der Stadt inspiriert. Seitdem verarbeite ich in meinen Entwürfen häufig grafische Formen und Muster“, berichtet Traudl Kammermeier. Oft sind es bestimmte Themen, „Buchstaben“, „Körper“ oder „Kissen“, die sie mit ihrer Tochter in Schmuck übersetzt. Zwischen zwei und sieben Tagen dauert es meist, bis aus einer unkonventionellen Idee ein Ring oder eine Kette entstanden ist. Auftragsarbeiten werden in der „Feinschmiede“ ebenfalls entgegen genommen.
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