Text: Viola B. Haderlein-Hadjam

Baumwollblüte - Foto: Roger Dale Pleis - Shutterstock)
Hauptsache topaktuell
Mode ist ein Marathon: Kaum ist eine neue Design-Idee geboren, hängt sie, nach einer Herstellungszeit von nur 2 Wochen, als neuester Trend im Laden. Um dieses schwindelerregende Tempo zu erreichen, hat sich die Textilproduktion in den letzten Jahren global ausgeweitet.
Heute
entstehen 95 Prozent der Textilien, die in Deutschland verkauft
werden, in Billiglohnländern. Die Produktion am anderen Ende der
Welt gewährleistet eine schnelle Umsetzung in hoher Stückzahl und
zu geringen Preisen. Freihandelszonen ermöglichen
Produktionsbedingungen, die sich den strengen europäischen
Richtlinien entziehen. Unklar
bleibt, wer die Stoffe womit gefärbt hat und unter welchen sozialen
Bedingungen die Einzelteile zusammengenäht wurden. Wer mag sich
schon gerne vorstellen, dass die topaktuelle Jeans in China von Mädchen
hergestellt wurde, die sich, von Überstunden müde,
Wäscheklammern an die Augenlider klemmen, um beim Arbeiten
nicht einzuschlafen? Oder dass Flüsse mit giftigen Farbstoffen und
Chemikalien aus der Textilherstellung belastet sind?
Ist teuer wirklich besser?
Ein
hoher Preis ist keine Garantie für eine bessere Qualität. In den
sogenannten Sweatshops wird zwischen Billig- und Markenware kaum
unterschieden. Vermutlich liegt der Unterschied öfter in einer höheren
Gewinnspanne, als es dem Verbraucher lieb ist.
Bislang
rechtfertigen „sichtbare“ Qualitätsmerkmale den hohen Preis von
Markentextilien. Dazu zählen das Image des Labels, edle
Materialien, raffinierte Schnitte und aktuelle Trendfarben.
Dagegen wurden die „unsichtbaren“ Qualitätsmerkmale lange sprichwörtlich „unter den Teppich“ gekehrt. Hier geht es um die tatsächliche Herkunft, die ökologische Unbedenklichkeit der Rohstoffe sowie um soziale, ökologisch nicht belastende Produktionsbedingungen und faire Handelsstrukturen. Nachhaltigkeit und Transparenz im gesamten Herstellungsprozess - Begriffe, die in der rasanten Entwicklung der Mode im letzten Jahrhundert kaum Platz fanden. Beim Rennen um schnelllebige Trends blieb die Ethik auf der Strecke.
Umwelt-
und Menschenrechtsorganisationen haben längst auf die zum Teil
katastrophalen Produktionsbedingungen
in der dritten Welt aufmerksam gemacht. Ob Teppichskandal durch
Kinderarbeit, Hautallergien bei Arbeitern im Herstellungsland und
beim Endverbraucher oder giftige Farbdrucke auf Kinderschlafanzügen.
Niemand kann heute noch mit gutem Gewissen alles kaufen und später
sagen, er hätte von alledem nichts gewusst.
Wem die eigene Verantwortung für die Zukunft bewusst ist, der kann
sich heute auch nicht mehr als Fashion Victim bezeichnen. Im
Gegenteil: Die Macht zur Veränderung liegt vor allem beim
Verbraucher. Durch den Boykott der Konsumenten wurde schon so
manches Unternehmen, das durch unethische Handlungsweisen in die
Schlagzeilen geriet, zum Umlenken gebracht.
Zusätzlichen
Druck bekommt die Wirtschaft jetzt auch vom Aktienmarkt zu spüren.
Der sogenannte Dow Jones Sustainability (Nachhaltigkeit) Index
listet soziale und umweltfreundlich agierende Unternehmen - Grund
genug, mit gutem Gewissen in die Zukunft zu investieren.
Öko ist jetzt sexy!
Auch zahlreiche Modefirmen haben inzwischen auf Nachhaltigkeit umgesattelt und zumindest einen Teil Ihrer Produktion sozial vertretbar und transparent gemacht. Die Bestrebungen gehen Schritt für Schritt in Richtung eines verantwortlichen Umgangs mit Mensch und Natur.
Noch besitzen diese Unternehmen als Trendsetter einen Pionierstatus. Eine gute Voraussetzung, um selbst beim kritischen Modefreak zu landen. Denn der findet Öko erst cool, wenn es als sexy gilt. Wer möchte, kann sich heute von Kopf bis Fuß modisch und ökologisch korrekt kleiden, ohne „Jute statt Plastik“ zu tragen.

courtesy of American Apparel
Seinen Bekanntheitsgrad als Musiker nutzt U2 Frontman Bono Vox bereits seit Jahren erfolgreich für den Kampf gegen die Armut in der dritten Welt. Sein Label Edun, das er 2005 gemeinsam mit seiner Frau Ali Hewson und Designer Rogan Gregory gründete, fördert die Eigenständigkeit lokaler Produktionsstätten in Afrika, Südamerika und Indien. Die Herstellung der hochwertigen Streetwear Kollektion setzt auf ethische und ökologische Standards. Der Erlös fließt in lokale Selbsthilfeprojekte, gemäß dem Motto „Trade not Aid“.
Zahlreiche
neue Streetwear Labels verzeichnen Erfolge durch Gewissenhaftigkeit
und Kreativität. Das niederländische
Label Kuyichi stellt
ethisch-faire und gut gestylte Denimwear her. Bernhard Willhelm
entwirft hippe Trainingsjacken und unterstützt damit das Projekt Misericordia
in Peru, das von dem Erlös eine eigene Schneiderwerkstatt und die
Schulausbildung für Kinder vor Ort finanzieren kann. Auch
Turnschuhfans können sich über ein reichhaltiges Angebot an
trendigen Öko Sneakers freuen. Der ehemalige DDR-Sportschuh ZEHA wird nachhaltig in der Slowakei produziert. Aus Frankreich
kommen die ökologisch korrekt produzierten VEJA
Turnschuhe im Oldschool Design. Auf das Recycling von
Feuerwehruniformen hat sich die Sneakers Kollektion von WornAgain
spezialisiert.
Doch
die große Masse der Verbraucher greift erst dann zu Öko, wenn
Angebot und Preis der nachhaltigen Produkte stimmen. Deshalb sind
sich auch Großunternehmen zunehmend ihrer Verantwortung bewusst und
wirtschaften mehr und mehr nach ökologischen und ethischen
Standards.
Als weltweit größtes Versandhaus wurde die Hamburger Otto
Group mehrfach für ihre soziale und ökologische Kompetenz
ausgezeichnet. Otto unterstützt seit Jahren den ökologischen Anbau
von Baumwolle in Afrika und bietet eine eigene Öko-Modelinie an.
Green goes Glamour
Dass selbst die schärfste Modekritikerin, Suzy Menkes (International Herald Tribune), davon überzeugt ist, dass „Grün“ das neue „Schwarz“ ist, hat nun auch die oberste Modeliga wachgerüttelt. Bislang schien Öko-Mode mit dem Luxusimage der Nobelmarken unvereinbar zu sein.
Eine
Ausnahme bildet Giorgio
Armani. Er verwendet in seinen Kollektionen zunehmend
Recycling-Polyester, Hanf und ökologische Baumwolle. Dem Image als
Luxusmarke steht der grüne Weg nicht entgegen. Im Gegenteil: Armani
gilt als Vorbild für ein Umdenken in der Mode.
Gutes Design ist durchaus mit einem sozialen Gewissen zu verbinden. Das zeigt auch der große Erfolg eines neuen Sterns am Modehimmel. Einzig vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit wurde 2005 das dänische Label Noir mit eigener Produktion für ökologische Baumwolle in Uganda gegründet. Gewinnanteile aus beiden Firmen fließen in die Noir-Foundation, die wiederum die lokalen Mitarbeiter sozial und medizinisch absichert. Ausbildungsmöglichkeiten und Kleinkredite ermöglichen die Entwicklung der lokalen Infrastruktur in Eigenregie. Designer Peter Ingwersen kann sich mit seiner sehr modernen und femininen Kollektion durchaus mit den etablierten Labels bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen messen.
Der Grüne Glamour erobert die internationalen Laufstege. Die seit 2006 stattfindenden Veranstaltungen wie die Eco Fashion Exhibition im Crafts Council in London, die Ethnical Fashion Show in Paris oder die Modenschau Weltgewänder in Berlin, organisiert von der Welthungerhilfe, zeigen, dass Öko Mode ihre Plattform im Modebusiness gefunden hat. Man darf gespannt sein, welche Blüten die grüne Welle noch treiben wird...
Grüner shoppen
Wer
nachhaltig konsumieren möchte, sollte bereits vor dem Shoppen
umdenken. Basics wie Unterwäsche, T-Shirts und ein Großteil der
Kinderkleidung kann bereits heute kostengünstig und ökologisch
korrekt gekauft werden. Second Hand kaufen und verkaufen ist ebenso
eine nachhaltige Maßnahme, wie im Internet die neuesten ethisch
korrekten Streetwear Styles und Jeans ohne unnötigen
Chemikalienaufwand zu bestellen.
Grundsätzlich gilt aber auch, lieber weniger und gezielt zu kaufen,
denn auch der Altkleiderberg stellt ein ökologisches Problem dar.
Bei jährlich durchschnittlich 22 neuen Kleidungsstücken, die die
Deutschen konsumieren, lässt
sich bestimmt der eine oder andere „Fehlkauf“ vermeiden...
Auf Modetrends muss der ökologisch bewusste Konsument jedenfalls
nicht verzichten. Das Angebot und damit die Chance, dass bald auch
das Lieblingslabel auf grün umschaltet, wachsen. Die „grünen
Modemarken“ verzeichnen bereits ähnliche Erfolge wie die
Bio-Lebensmittel, deren Umsatz sich jährlich um ca. 15 Prozent erhöht.
Eine Chance, die auch die deutsche Modebranche nicht verpassen
sollte.
Bleibt nur noch zu hoffen, dass die „grüne Modewelle“ ein nachhaltiger Trend ist.
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Buchtipp: |
Linktipps:
www.oeko-fair.de
www.label-online.de
www.sauberekleidung.de
www.cleanclothes.org
www.craftscouncil.org
www.ethnicalfashionshow.com
www.weltgewaender.com
www.wornagain.co.uk
Labels:
www.americanapparel.net
www.kuyichi.com
www.misionmisericordia.com
www.edun.ie
www.otto.de
www.veja-fairtrade.com
www.armani.com
www.zeha-berlin.com
www.noir-illuminati2.com
www.true-fashion.com
Quellen
u.a.: Spiegel Special: Die Neue Welt (Nr.7, 2005)
Greenpeace-Textil-Fibel: www.greenpeace-magazin.com
dpa
Bücher:
Gerechte Kleidung. Fashion Öko Fair. Ein
Handbuch für Verbraucher, von Monika Balzer
No
Logo, von Naomi Klein
Kann denn Mode „öko“ sein? Einkaufsleitfaden Naturtextilien,
von Cornelia Voss
Textil-Fibel 2, Greenpeace, über: www.greenpeace-magazin.com
Film:
China Blue von Micha X. Peled , USA 2005.
„Oft steht in unserer Kleidung „Made in China“. Aber unter welchen Umständen werden (diese) billigen Jeans uns Shirts hergestellt? „China Blue“ zeigt Einblicke hinter die verschlossenen Fabriktore und gibt den anonymen Arbeiter/-innen ein Gesicht.“ (Zitat aus „www.die gesellschafter.de)
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Email an: Leserbriefe@modekultur.info
Ausgabe April 2007


