Fashion-Business in
Berlin:
Nur eine Modeerscheinung -
oder treibende Wirtschaftskraft?

Guido Maria Kretschmer Fashion Show,
Januar 2011 im eWerk
Als im Juli 2007 die erste
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin stattfand, glaubten nicht
sehr viele daran, dass die deutsche Hauptstadt das Zeug zu einer
internationalen Modestadt hat.
Zu allem Überfluss wanderte die Modemesse Bread&Butter nach
Barcelona ab - und die internationale Modeszene schien tatsächlich
nur ein Strohfeuer an der Spree entzündet zu haben.
Inzwischen sorgen sich andere deutsche Modestädte wie Düsseldorf oder München um ihre Marktstellung, wenn sie den Namen Berlin hören, denn in der größten Stadt zwischen Moskau und Paris hat sich eine Dynamik entwickelt, die seit dem Mauerfall so typisch ist für diese Stadt. Hier ist all das möglich, was woanders seit langem nicht mehr möglich ist, denn der große Vorteil Berlins ist, dass die Stadt noch keine festen Strukturen aufgebaut hat und deren meinungsbildende Gesellschaft somit nicht verkrustet, sondern vielschichtig, innovativ und immer in Bewegung ist.
Im Januar fand die 8. Ausgabe der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin statt, die Bread&Butter ist längst zurückgekehrt, und die Besucherzahlen der Modemessen und der Schauen sprechen eine deutliche Sprache. Wer im Dschungel der Modewoche unterwegs war, der spürte sehr schnell, dass das Fashion-Business rund läuft, denn alle Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Im Zelt am Bebelplatz, wo die Runway Shows unter dem Stern des Hauptsponsors Mercedes-Benz über den Laufsteg gingen, gab es kaum freie Plätze. Das war nicht immer so. Besonders bei unbekannteren Designernamen blieben in der Vergangenheit viele Sitze leer. Dieses Mal nicht!

Kaska Hass Fashion Show,
Lavera Showfloor Berlin im Januar 2011
Beim Lavera Showfloor Berlin im Umspannwerk Kreuzberg, der bislang nicht mal vielen Insidern ein Begriff war, freuten sich die Macher über den Besucheransturm: Laut Veranstalter besuchten 6.000 Gäste die 12 Modenschauen, um sich die neuen Kollektionen aus der Sparte "Green Fashion" anzusehen. Das Interesse an diesen Schauen zeigt, dass ökologisch produzierte Mode und Nachhaltigkeit zu immer wichtigeren Aspekten in der Modebranche werden.
Die passende Messe zum Thema Ökomode war in der Columbiahalle zu finden: Mehr als 50 internationale Labels und Designer aus 15 Nationen zeigten laut Veranstalter ihre Green Fashion-Kollektionen bei THEKEY.TO. Und auch hier ist von den Organisatoren zu hören, dass mehr verkaufsgenerierende Gespräche und mehr Besucher gezählt wurden als zuvor. Das unterstreicht, wie wichtig Berlin als Plattform für "Grüne Mode" geworden ist.
Zweifelsohne ein Flagschiff für
Berlins Modeszene ist die Bread & Butter, die führende Modemesse
für Street- und Urbanwear. Im Flughafen Tempelhof zeigten auf mehr
als 70.000 Quadratmetern rund 600 Brands, Labels und Designer ihre
Herbst-/Winterkollektionen 2011/2012. Und das Fachpublikum schien
begeistert!
Laut Veranstalter haben sich mehr als 90.000 Fachbesucher aus über
100 Ländern registriert - und Bread&Butter-Chef Karl-Heinz
Müller freute sich über das Besucherplus: „Wir
konnten davon ausgehen, dass die Veranstaltung sehr stark und
international werden wird. Die Aussteller sind mehr als zufrieden und
verzeichnen einen erheblichen Anstieg an internationalen Neukunden und
zahlreichen Orderplatzierungen. Insgesamt konnten wir fast zwei
Drittel Besucher aus dem Ausland begrüßen.“
Auch die Organisatoren der PREMIUM freuten sich über ihre gelungene Mode-Fachmesse für Fashion und Lifestyle im hochwertigen Segment. Im STATION-Berlin am Gleisdreieck sahen sich rund 60.000 Fachbesucher 1.000 neue Kollektionen der Saison Herbst/Winter 2011/2012 an.

Fashion Show im Tacheles im Januar 2011
Outfit: Mila Miahara
Darüber hinaus gab es noch
zahlreiche Offsite-Events: Frida Weyer zeigte ihre neuen Kreationen
als Installation im Regent Hotel, während das Designerduo des Labels
Mongrels in Common im Alten Stadthaus seine Modenschau zelebrierte.
Zum wiederholten Male fand der GreenShowroom im Hotel Adlon statt,
während das Berliner Modelabel C'est Tout zum ersten Mal auf der
Fashion Week zeigte und und seine handverlesenen Gäste ins Soho House
Berlin einlud.
Auf seiner StyleNite im Tempodrom zeigte Michalsky vor 1.200 geladenen
Gästen seine neue Herbst-/Winterkollektion 2011/2012
"Urban Nomads" und wollte ein Event der Superlative bieten.
Vor der Show versuchte die 80erJahre-Band Alphaville die Besucher
mitzureißen - und nach der Show wurde die Deutschlandpremiere des
Disneyfilms "Tron:Legacy" gezeigt. Leider ging im riesigen
Rund des Tempodroms so manches unter - und die Tonprobleme zu Beginn
der Show hinterließen atmosphärische Lücken.

Kaviar Gauche Fashion Show im Zelt am
Bebelplatz,
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
Ein Hauch von Paris versprühte
die Fashion Show des Designers Guido Maria Kretschmer im eWerk. Seine
Abendroben sind immer wieder ein Genuss und lassen die deutsche
Modeszene davon träumen, zukünftig international noch eine größere
Rolle zu spielen. Laut Wirtschaftssenator soll der Betrag, der durch
die Fashion Week Berlin pro Jahr erwirtschaftet wird, irgendwo
zwischen 140 und 180 Millionen Euro liegen. Damit ist die Berlinale
(rund 30 Millionen Euro) abgehängt.
Und noch etwas fällt auf, das sich für Berlin als wertvoller
Standortvorteil erweisen könnte: viele Designer und Marken aus den
skandinavischen und osteuropäischen Ländern präsentieren sich in
der deutschen Hauptstadt. Und damit kann Berlin sich ein klares Profil
schaffen, denn die großen italienischen Designer werden weiterhin in
Mailand zeigen, während die Franzosen natürlich Paris vorziehen
werden. Auch in Zukunft. Und das ist auch gut so!
Text: Jörg Buntenbach
Fotos: Michael Wittig

