Auf unserer Sonderseite "We fashion you!" stellen wir die Modeschulen in Berlin vor. In diesem Monat berichten wir über die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW).
Text: Anna Lucht
Technisches Know-how, marktwirtschaftliches Denken und Political Correctness – fehlen nur noch zahlende Unternehmen

Zum Unterricht an der FHTW gehört auch Aktzeichnen
Der Campus Wilhelminenhof der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) liegt draußen im Südosten Berlins. Aber die Fahrt nach Oberschöneweide, im Bezirk Treptow-Köpenick, lohnt sich allemal und das nicht nur für Studierende, sondern auch für Besucher oder Dozenten. Die Räumlichkeiten sind sehr modern, wirken frisch renoviert und hell. Eingezogen ist der Fachbereich Gestaltung im Herbst 2006. Das ehemalige Industriegebäude wirkt nicht nur aufgrund der Semesterferien so weiträumig, rein und clean – Graffiti jedenfalls gibt’s (noch) nicht. Dafür um so mehr durch die Transparenz großzügiger Glasfenster und Glastüren. Die Schule bietet aber natürlich weit mehr als sanierte Zimmer, neueste Computer und (Spezial-) Maschinen. Und das hat sich herumgesprochen. Herr Prof. Janssen weiß aus seiner Erfahrung, „dass Studienbewerber gut informiert sind und an die FHTW wollen. Denn es ist eine sehr praxisnahe Ausbildungsstätte, mit kommerziellem Ansatz, und es wird viel geboten.“ Bei den Aufnahmeprüfungen, bei denen sich um die 100-150 Interessierte auf 40 Plätze bewerben, wird darauf geachtet: „dass die angehenden Studenten in unser Konzept passen.“ Einige Designer sollte man kennen und Bescheid wissen, was in der Szene passiert. Begriffe wie „Businessplan“ und „Kalkulation“ sollte man gehört haben. „Das soll alles ein bisschen ernüchtern, hier ist kein Student auf Wolke sieben.“ Das Ziel ist, breit auszubilden.
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„Und die Entwürfe muss man dann mit einer Nähtechnik auch umsetzten können.“ Das wird alles erwartet. Die Studentin Katrin Zimmermann, die trotz aufreibend erlebter Praxis noch Designerin werden möchte und auch in der Freizeit näht, bestätigt, „dass man nach dem 5. Semester die Schnittkonstruktion beherrscht.“ |
Dass man sich mit Materialen auseinandersetzt, ist selbstverständlich.
Ökologisch verträgliche Stoffe sind die Zukunft, alle sind sich
einig, nur „die Vermarktung drumherum ist übel.“
Die Lehre ist nicht nur sehr praxisnah, sondern auch sehr
berufsnah. Und so gibt es kaum noch verträumte oder idealisierte
Phantastereien. Die Vorstellungen, was nach dem Studium wartet, sind
klar und realistisch. Eine Studentin aus dem 7. Semester, Lily
Bergner, bringt’s auf den Punkt: „Die Abschlussprüfung, die
eine Modenschau von fünf bis sieben Outfits beinhaltet, ist
eigentlich das letzte Mal, bei dem man sich kreativ austoben kann.
Denn da steht ein Designer noch nicht unter Verkaufsdruck.“
Allerdings richten Studenten ihre Prüfung häufig dennoch schon
marktgerecht aus, entwerfen eine Sportkollektion oder ähnliches.
Der Pragmatismus, das Wissen um die harte Realität und die markt-
und betriebwirtschaftlichen Kenntnisse werden wohl auch deshalb so
stark vermittelt, weil die Dozenten den Markt kennen. Dies wissen
die Fast-Absolventen dann auch zu schätzen. „Eigentlich sind alle
Kurse sinnvoll und wichtig gewesen“, fassen Aline Sauer und Lily
Bergner rückblickend zusammen, „nur der Informatik-Einführungskurs
war überflüssig, weil er zu leicht war“. Und zu Beginn des
Kurses Vertragsrecht dachte man noch, „oh, wozu muss ich da
durch?“, sah dann aber schnell die Notwendigkeit und zwingende
Logik.
Den Alltag eines Modedesigners können Studenten im 7. Semester auch am schuleigenen Label 30paarhaende erfahren. Das Label gibt es seit zehn Jahren und ist längst, auch dank der Photostrecke in der Brigitte Anfang letzten Jahres, kein No-name mehr. Vom Entwurf über das fertige Stück am Model auf der Modenschau bis zum Verkauf wird alles selbst konzipiert, entworfen, organisiert, gemacht und miterlebt. Showrooms bei den Messen in Mailand und Paris werden regelmäßig bestückt. Für die Ausbildung sei das sehr gewinnbringend, alltägliche Abläufe eines eigenen Labels, Erfolg und Misserfolg würden somit früh erfahren.

Show 30paar Hände
auf der Fashion Week Berlin, 30.01.08
Foto: © modekultur.info
Auch im kreativen Sinn hilft 30paarhaende weiter. Aline Sauer
sagt „ein Vorteil beim Arbeiten im Team ist die Erfahrung, sich
selbst zurücknehmen zu müssen.“ Denn die Idee der Kollektion
wird mit der Zeit und gemeinsam entwickelt, was wiederum ein
Vorbereiten auf das Berufsleben danach ist, wo fast ausschließlich
im Team gearbeitet wird.
30paarhaende hat den Anspruch, stilistisch vollkommen unabhängig
von existierenden Labels zu sein und ein eigenes, erkennbares Profil
zu haben. Bei Kreativitätsmangel wird auf eine Art Bilderverbot
geachtet, jedenfalls ist kein fremdes Bildmaterial zulässig. Die
Professoren wissen aus eigener Erfahrung, dass Abhilfe nicht über
Dinge von außen zu erlangen ist, sondern von innen, aus sich selbst
heraus geschöpft werden muss.
Im Werkraum von 30paarhaende ist die tatkräftige Atmosphäre zu spüren.
Die letzte Schau liegt wenige Wochen zurück. Deren Nachbereitung
muss noch gemacht werden, Rechnungen bezahlt, das Lookbook für den
geplanten Online Shop vorbereitet werden. Professionelle Models
trugen bei der Mercedes Benz Fashion Week die klaren Silhouetten der
letzten Kollektion vor. Die Linie ist elegant, eher puristisch, aber
mit einzelnen herrlichen Details versetzt und auch dadurch
begeisternd schön. Ein schwarzer, taillierter Mantel besticht zunächst
durch seine Eleganz, raffinierte Schnittführung und den schönen
Stoff. Beim genaueren Hinsehen, oder wenn der Mantel getragen wird
und sich bewegt, öffnet sich der Schlitz hinten und eine plissierte
eingenähte Lederfläche faltet sich auf. Fast jedes Teil der
Kollektion birgt ein solches kleines Geheimnis.
Für das ganze gibt es einen Sponsor, den italienischen
Stoffhersteller Limonta. Dieser liefert den Stoff für die Modelle
der Kollektionen. Zu dieser Zusammenarbeit kam es, weil Herr Janssen
bei Limonta Freunde hat. Leider ist es nicht so einfach, Sponsoren
oder Förderer zu finden. Besonders in Deutschland seien die
Unternehmen noch nicht bereit, in die Ausbildung zu investieren.
Weder kleine, mittlere, noch große Betriebe. „Es gibt keinen
Einsatz für junge Leute“. Herr Janssen spricht vom
„Moralverfall“. Und das, obwohl die Studenten einen Rücknutzen
liefern, denn sie beschäftigen sich mit den Materialien, d.h. diese
werden erprobt. Anregungen für neue Stoffe kommen, werden sozusagen
mitentwickelt. Die Photos von den Schauen der Studenten werden bei
Limonta dann auch „wie Gold behandelt“, berichtet Herr Janssen.
Ein weiterer Vorteil des Labels ist, dass es Arbeitsplätze schafft,
in Deutschland, konkret in Berlin. Sigrid Mebert, Näherin, zuletzt
beim Zwischenmeister Zwettler und Scherer González angestellt, schätzt
die Arbeit im Werkraum von 30paarhaende sehr. Zwar kann es
vorkommen, dass die Entwürfe und Schnittkonstruktionen der
Studenten so nicht auf Anhieb machbar sind, aber dann wird eben verändert
oder es werden stützende Nähte hinzugefügt. Ein großer Vorteil
an der Hochschule zu arbeiten ist, „dass die Studenten die Arbeit
wertzuschätzen wissen und sich über die fertigen Teile freuen.“
Diese Dankbarkeit hat Frau Mebert in den Designfirmen und von deren
Chefs nicht erfahren.

Show 30paar Hände
auf der Fashion Week Berlin, 30.01.08
Foto: © modekultur.info
Dass die Zwischenmeisterei, ein traditionelles Handwerk in
Berlin, zurückgegangen ist (von 81 im Jahr 2000 auf nur noch 31 im
Jahr 2004), ist für den Modestandort Berlin nicht gerade förderlich.
Auch deshalb hat die Hochschule die Textilzelle gegründet. Was
bisher noch als Projekt lief und durch die EU und die
Landesinitiative Projekt Zukunft gefördert wurde, soll demnächst
in einen Verein gewandelt werden. Treibende Kraft ist Herr Prof. Dr.
Thomas Schneider. Die Studiengänge Modedesign und
Bekleidungstechnik/Konfektion werden kleinen und mittelständischen
Modeunternehmen in Berlin technische Dienstleistungen anbieten. Dafür
stehen eine Projektmanagerin, zwei ausgebildete Näherinnen oder
Modeschneiderinnen und studentische Hilfskräfte sowie die 50
Industrie- und Spezialmaschinen (Fixiermaschinen,
Zuschneidemaschinen, Knopflochmaschinen, usw.) zur Verfügung.
Weitere Infos zur Ausbildung unter:
www.fhtw-berlin.de
Die nicht mit einem Quellenverweis versehenen Fotos wurden freundlicherweise von der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft zur Verfügung gestellt.
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Modenschau des FHTW-Labels 30paar Hände auf der Fashion Week
Berlin am 30. Januar 2008:
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Ausgabe April 2008


