Libanon: Modedesign zwischen Promis und Krieg
August 2008
Für Hollywood-Größen wie Halle Berry,
Catherine Zeta-Jones, oder die Sängerinnen Christina Aguilera und
Beoyncé Knowles ist die Haute Couture des Nahen Ostens schon lange
kein Geheimtipp mehr. Trotzdem haben viele Fashion Victims diese
Region nicht auf dem Radar. Die deutsche Journalistin Gabriela M.
Keller will das ändern: Sie berichtet seit Jahren aus Syrien und
dem Libanon und hat jetzt in dem Modemagazin Glamour einen Bericht
über die wichtigsten Designer und ihre Kreationen veröffentlicht.Unter
dem Titel "Haute Couture und Bürgerkrieg" beschreibt sie
von Beirut aus den Widerspruch von Kreativität und Überlebenstrieb.
Die Fashioncommunity styleranking (www.styleranking.com) sprach mit
der jungen Journalistin, um in Erfahrung zu bringen, was an der
Haute Couture des Nahen Ostens besonders ist.

Fotos: Basil Soda
styleranking:
Naher Osten heißt für viele Krieg, Terror, verschleierte Frauen.
Wie kann sich in solch einer Gegend eine
Haute-Couture-Szene entwickeln?
Gabriela:
Der Libanon ist ein Land, was dem Westen sehr nahe ist, geographisch
wie kulturell. Genau genommen stoßen dort Westen und Osten
aufeinander, Christentum und Islam, Nord und Süd, Armut und
Wohlstand. Die Frontlinie im Kampf der Kulturen verläuft also
mitten durch Beirut, wenn man diesen Begriff benutzen will. Alle
Gegensätze der Welt kommen dort zusammen. Das bedeutet auf der
einen Seite, dass das Risiko für Unruhen, Spannungen und
Ausschreitungen sehr hoch liegt, wie man ja in den vergangenen
Monaten in den Nachrichten verfolgen konnte. Auf der anderen Seite
herrscht in Beirut aber auch eine Freiheit, die in der Region außergewöhnlich
ist. Hier geht so Einiges, was anderswo nicht geht. In diesem
Spannungsfeld liegt sehr viel Potenzial - und das in allen
Bereichen, sei es kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Zudem
ist den Menschen im Libanon ihre Erscheinung sehr wichtig - der Schönheitskult,
den die Libanesen treiben, kommt einem aus europäischer Perspektive
schon fast grotesk vor. Da gilt man als Frau schon als ungepflegt,
wenn man sich keine französische Maniküre und Pediküre machen lässt.
Auch Schönheitsoperationen sind etwas ganz Alltägliches. Deswegen
ist das Interesse an und die Affinität zu Haute Couture natürlich
groß.

Fotos: Basil Soda
styleranking:
Wie kleiden sich denn die Menschen in Beirut? Was fällt dir in der
Modeszene auf, wenn du sie mit europäischer Kleidung – aber auch
mit anderen Ländern wie Syrien, Saudi Arabien oder Jordanien
vergleichst?
Gabriela:
Die Libanesinnen kleiden sich wie gesagt sehr sorgfältig. Sicher
muss man da zwischen den Frauen in Beirut und denen im Rest des
Landes unterscheiden. In Beirut kämen die meisten Frauen nicht auf
die Idee, ohne volles Make-up, mit frisch vom Friseur gedrehten
Locken und in perfekt abgestimmer Garderobe auf die Straße zu
gehen. Den Stil kann man im Allgemeinen als sehr elegant, weiblich
und glamourös beschreiben. Understatement ist jedenfalls kein
Thema. Die Frauen tragen oft die neuesten Designer-Kollektionen zur
Schau, oft Stiletto-Heels, Röcke, schulterfreie Kleider,
schillernde Farben, und alles, was glitzert und glänzt. In der
Provinz geht es natürlich viel konservativer zu. Da trifft man den
islamischen Dresscode häufiger an. Interessant ist aber, dass
selbst viele der verschleierten Frauen sehr sexy wirken: Ihre Kopftücher
sind oftmals mit Pailletten oder ellenlangen Fransen verziert und
farblich auf Schuhe und Handtasche abgestimmt. Das wirft manchmal
schon die Frage auf, ob es sich noch um eine islamische
Verschleierung oder doch schon um ein modisches Accessoire handelt.
Dazu ziehen sie nicht selten knielange Röcke an, knallenge
Oberteile und manchmal sogar Netzstrümpfe.
styleranking:
Welches sind die bekanntesten Designer des Nahen Ostens und wen
kleiden sie ein?
Gabriela:
Zweifels ohne ist Elie Saab der wichtigste Couturiers des ganzen
Nahen Ostens und mittlerweile auch einer der Lieblingsdesigner der
Hollywoodstars. Das granatrote Kleid mit dem bestickten Oberteil,
das Halle Berry trug, als sie 2002 ihren Oskar bekam, war ein
Saab-Kleid. Auch Christina Aguilera und Beyoncé Knowles zählen zu
seinen Kundinnen. Zudem kleidet er eine Menge arabischer
Prinzessinnen und Töchter nahöstlicher Ölmagnaten ein. Auch
Georges Chakra ist sehr erfolgreich, er hat zum Beispiel einen Teil
für die Ausstattung des Films ‘Der Teufel trägt Prada’
geliefert. Helen Mirren hat ihren Oskar in diesem Jahr in einem
Chakra-Kleid entgegen genommen. Es gibt aber mittlerweile eine ganze
Generation junger libanesischer Modedesigner, die in der arabischen
Welt schon sehr erfolgreich sind und die arabischen Königshäuser
sowie die Frauen der gehobenen Gesellschaft beliefern. Basil Soda,
Robert Abi Nader und Nicolas Gibran wären da zu nennen. Die drängen
nun auch sehr ehrgeizig auf die westlichen Laufstege.

Fotos: Elie Saab
styleranking:
Was ist das besondere an ihren Kreationen?
Gabriela: Ein großer Unterschied zu den
westlichen Designern ist, dass der Schwerpunkt ihrer Modehäuser auf
Haute Couture liegt. Im Westen werden ja kaum Couture-Kleider
abgesetzt, hier aber machen sie das Kerngeschäft aus. Das ist natürlich
auch eine Preisfrage: In Europa zum Beispiel ist es ja unbezahlbar,
ein Kleid von Hand mit Kristallen oder Pailletten besticken zu
lassen. Im Libanon aber liegen die Löhne viel niedriger, da ist das
gang und gäbe. Diese ganze Industrie, die im Westen fast
ausgestorben ist, steht hier noch in voller Blüte. Im Allgemeinen
kann man durchaus sagen, dass die Designs sehr arabisch geprägt
sind, der Stil ist sehr
weiblich, sehr glamourös. Die Ästhetik äußert sich in fließenden
Stoffen, opulenten Formen und aufwendigen Verzierungen wie
Stickereien, Glitzersteinchen, Maraboufedern, Volants. Wer also
einen ganz großen Auftritt plant, ist mit libanesischen Designern
sicher gut beraten.

Fotos: Elie Saab
styleranking: Ellie Saab sagte kürzlich
in einem Interview, er würde Frauen niemals auf
diabolisch stylen oder eine nackte Brust auf dem Laufsteg
zeigen. Entwickelt sich in der Region so etwas wie eine konservative
Haute Couture?
Gabriela:
Ich würde weniger konservativ sagen als gefällig, obwohl das
Adjektiv negativ klingt. Die libanesischen Designer sehen sich im
Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen nicht als Künstler. Sie
wollen nicht schockieren und nicht provozieren, sie wollen einfach
schöne Kleider verkaufen. Dahinter steht natürlich eine ganz
andere Vorstellung von Haute Couture. Der Grund dafür ist zum
einen, wie ich schon gesagt habe, dass die libanesischen Designer
ihren Hauptgewinn mit Couture machen, während Couture im Westen
hauptsächlich zu Werbe- und Marketingzwecken dient. Viele der
libanesischen Designer haben gar keine Pret-à-Porter-Linie. Zum
anderen hat es damit zu tun, dass sich das Konzept Individualität
im Nahen Osten nie entwickelt hat. Die Libanesen verstehen einfach
nicht, warum sie Kleider kreieren sollen, mit denen sie andere abstoßen,
befremden oder verwirren könnten. Und sicherlich bestünde auch das
Risiko, dass sie den Unmut konservativer religiöser Kräfte auf
sich ziehen, wenn sie die Models halbnackt oder in irgendwelchen
grotesken Stoffdrapagen über den Laufsteg schicken.

Fotos: Georges Chakra
styleranking:
Der Libanon ist ein von Bürgerkriegen geschütteltes Land, in
dessen Hauptstadt Beirut einige namhafte Designer Ateliers
betreiben. Materialien wie Stoffe und Garne gelangen nicht selten über
zerbombte Straßen dorthin – wenn überhaupt. Wie ist
Arbeiten unter solchen Bedingungen möglich?
Gabriela:
Eine Sache ist toll an den Libanesen: Sie lassen sich durch Kriege,
Unruhen und Bombenexplosionen nicht die Freude am Leben verderben.
Sie machen einfach immer weiter. Ich denke, das ist auch der Grund,
warum dem Land trotz Jahrzehnten der Instabilität noch nicht das Rückgrat
gebrochen ist. Ansonsten könnte es hier aussehen wie in Ruanda.
Sowohl Elie Saab als auch Georges Chakra haben ihre Modehäuser während
der Bürgerkriegsjahre (1975-1990) aufgebaut. Das muss man sich mal
vorstellen: Haute Couture in einem Bürgerkriegsland! Sie sind
einfach wahnsinnig einfallsreich, wenn es darum geht, Transportwege
zu finden. Wenn der Flughafen gerade bombardiert wurde, dann schickt
man die Kollektion eben per Schiff raus, oder über den Landweg über
Syrien. Natürlich bedeutet das auch, dass die libanesischen
Designer bereit sind, für ihre Kleider enorme persönliche Risiken
auf sich zu nehmen. Aber darin äußert sich eben der unbedingte Überlebenswille
dieses Landes.

Fotos: Georges Chakra
styleranking:
Warum verlassen die Berühmten unter den Modeschaffenden die Region
nicht? In den USA oder Europa könnten sie doch unter weitaus
besseren Bedingungen arbeiten.
Gabriela:
Das ist sicher richtig. Die meisten von ihnen spüren aber eine sehr
starke gesellschaftliche Verantwortung für ihr Land. Diese Art zu
denken ist uns in Europa sehr fremd, wir würden am ehesten dahin
gehen, wo wir am erfolgreichsten arbeiten können. Doch da sind die
Libanesen anders. Sie denken: Ich mache was Tolles, und wenn Leute
wie ich alle verschwinden, dann geht es erst recht den Bach
herunter. Sie wollen auf ihrem Gebiet dazu beitragen, dass es mit
ihrer Heimat nach vorn geht. Es ist generell ein Problem, dass
gerade die Jungen und Gutausgebildeten den Libanon verlassen, weil
die Wirtschaft wegen der ständigen politischen Krisen stagniert und
es wenig Chancen gibt. Alle Designer, mit denen ich gesprochen habe,
sagen: Diesen Trend wollen wir nicht verstärken. Dazu kommt, dass
die meisten Libanesen ihr Land sehr lieben und hier nicht gar weg
wollen.
styleranking:
Im Nahen Osten gewinnen konservative, religiöse Strömungen an
Bedeutung. Dazu gehört auch, dass sich immer mehr Frauen dort verhüllen.
Wie wird die Haute Couture der Region in zehn Jahren aussehen?
Gabriela:
Gute Frage! Wenn es ganz schlecht läuft, dann wird Haute Couture im
Nahen Osten sicher irgendwann nicht mehr möglich sein. Im Irak war
es ja zum Beispiel so, dass Schönheitssalons zum Ziel von Anschlägen
geworden sind. Schließlich können die Designer ja nicht alle
anfangen, Burkas und Tshadors zu entwerfen. Andererseits aber tragen
auch die Frauen in den wirklich konservativen Golfstaaten enge,
kurze oder weit ausgeschnittene Kleider, nur eben nicht öffentlich:
Auf Hochzeiten zum Beispiel feiern die Frauen unter sich, da können
sie anziehen, was sie wollen. Zu diesen Gelegenheiten kleiden sie
sich dann tatsächlich auch sehr schillernd. Also bestünde selbst
unter einem islamistischen Regime noch Bedarf an Couture. Im
Allgemeinen ist es im Nahen Osten so, dass sich die Menschen sich
umso mehr ihre kleinen Freiräume suchen, je strenger die Regeln
werden.
styleranking: Vielen Dank für das Gespräch!
Gabriela M. Keller, 33 Jahre, lebt seit zwei
einhalb Jahren als freie Journalistin im Nahen Osten. Sie berichtet
unter anderem für die Welt, die Financial Times Deutschland, den
Berliner Tagesspiegel und den Weser-Kurier aus Syrien und dem
Libanon. Sie interessiert sich besonders für die Widersprüche der
Region zwischen frommen Traditionen und globalisierter Moderne. Mehr
zu der Autorin findest du unter www.gabrielakeller.de
Das Interview führte die Fashioncommunity styleranking (www.styleranking.com). styleranking ist ein Portal für Modeinteressierte, auf dem die Mitglieder die Fotos ihrer besten Outfits einer großen Community zeigen und spannende Trends bewerten können. Im Fashionblog von styleranking (http://blog.styleranking.de) gibt es täglich spannende News aus den Bereichen Jung- und Nachwuchsdesigner, Streetwear, Lifestyle und Trends. styleranking ist Partner von modekultur.info.
modekultur.info, Das Onlinemagazin


