Text: Anna Lucht

Modenschau JOOP! - 28.01.08 in Berlin
Foto: © modekultur.info
Die
Wiederholungstäter
Die Qual der Wahl haben modebegeisterte Männer in Berlin wohl eher nicht. Denn die Auswahl an Anbietern ist im Vergleich zur Damenmode nicht allzu groß. Die oft gerühmte Vielseitigkeit der Stadt scheint hier weniger zu greifen, schon gar nicht in Fülle. Und dass, obwohl es kaufkräftige und interessierte Männer durchaus gibt. Oliver Sinz von di Nobile betreibt seine Maßschneiderei am Monbijouplatz 2 seit sechs Jahren und der Laden läuft gut. Wonach die Kunden suchen? Sinz zitiert den Titel der letzten Ausgabe der Textilwirtschaft: „Luxus läuft“.
|
|
Der Preis für einen |
Als Probemodelle gibt es
blaue mit zarten Nadelstreifen, braune aus Kord oder einfarbige, karierte
sowie in dunklen gedeckten Farben gehaltene Anzüge. Hemden gibt es in bürotauglichen helleren Farben, manchmal gestreift. Auffallender
ist ein Kaschmirschal in Orange oder Manschetten- knöpfe in
verschiedensten Ausführungen.
Wo werden die Anzüge getragen? „In
meinen Kleidern soll es möglich sein, sich im Büro der Bank oder
in der Anwaltskanzlei wohl zu fühlen, aber auch danach. Die Erscheinung
soll auch für den Abend passend sein“. Diese
Doppelfunktion gelingt wohl auch deshalb, weil Oliver Sinz darauf
achtet, dass sich der Träger wieder findet und sich nicht in und
hinter einer rein modischen und kurzlebigen Aussage versteckt. Rund
acht Jahre sollen die Anzüge nicht nur praktisch, sondern auch
modisch aushalten. Dass dies gelingt, haben treue Kunden in einer
Modenschau-Retrospektive bewiesen.
Das Besondere des Designers und
Maßschneiders liegt in der Fähigkeit, den Kunden, wie er ist, wahrzunehmen und ihm gegebenenfalls leichte Abwandlungen zu empfehlen. Ein Sakko
kombiniert zu einer Anzughose mit an den Seiten aufgesetzten Taschen
verleiht einen Touch von entspannter, noch bürotauglicher Klassik.
Und welche Farben liegen im Trend? „Nuancen von schwarz und blau, ein
leichter Mix aus braun-schwarz oder blau-schwarz“. Die Herkunft
der Kleidungsstücke ist nachweislich Berlin, denn die Näherinnen
sind im Atelier anwesend. Qualität und Herstellung sind sauber und
korrekt. Ein Trend, den Oliver Sinz seit den letzten zwei Jahren
ausmachen kann. Seine Kunden suchen danach.
Fair und
treu
Und nicht nur
bei ihm; auch Claudia Fischer von
codierbar achtet auf Stoffqualität und produziert in Berlin. Außerdem
setzt das Label auf Pragmatismus.
Druckknöpfe
sind nicht nur für den Mann praktisch, der im Fall der Fälle
nichts annähen muss, sondern auch für die Frau, die den Mann
auszieht - es geht schnell.
|
Der Stil hat Witz. Hinter einem aufgedruckten Ausrufezeichen verbirgt sich eine Tasche für einen Stift. Eine helle Krawatte ist auf ein schwarzes Hemd genäht und fungiert am Hals als Stehkragen. |
|
Dass die Hemden
und Hosen passen, wird durch zahlreiche Freunde immer wieder
erprobt. Diese sind geduldig, probieren und helfen somit bei der Größenfindung
und der Entwicklung der perfekten Passform. Claudia Fischer weiss um
die Treue von männlichen Kunden: „Sind sie einmal zufrieden,
bestellen sie immer wieder“. Entweder in Läden in Berlin (ausberlin
oder cultism.berlin) oder in München, Basel, Leipzig oder übers
Internet.
Die kurze Hose aus der Sommerkollektion ist besonders schön
und raffiniert geschnitten. Woher weiss Claudia Fischer, was Männern
gefällt? „Aus Gesprächen und den Anproben“. Und weil Claudia
Fischer denkt, „dass Männer in der Mode zu kurz kommen“, macht
sie weiter und erfindet den modischen Mann.
Wieso
andere Frauen schöner machen?
IO ist italienisch und bedeutet „ich“. Und so soll der Mann in seiner Individualität belassen werden. In sensibler Weise erschafft Carola Plöchinger, Designerin des Labels IO, einen Stil für Männer, der sie nicht verkleidet, sondern in ihrer wahren Schönheit zeigt. Auf der Suche nach Neuem, nach dem Bruch mit dem Altbekannten und nach Möglichkeiten, Männern weitere Schmuckstücke als die Krawatte zu liefern, entwickelt sie immer wieder eine Linie, die stylisch und klassisch zugleich erscheint. Es ist, als würde die etwas steifere, langweiligere Männermode enthemmt werden. Dabei handelt es sich stets um eine Entscheidung zwischen etwas Neuem und dem nicht „zu over“.
|
|
Nur hochwertige Materialien werden von IO Kunden getragen. Die Linie ist gerade, körperbetont, pur, elegant und exklusiv. Kurz: Helmut Sander oder Jil Lang. Sichtbar wird in jedem Teil einer Kollektion die raffinierte Schnittführung. |
Werden die Jacken oder Shirts
getragen, wirken sie wie an den Körper des Mannes gegossen. Die
Farben sind Schwarz, Weiß, Grau, oder Beige, mal ein kräftiges
marineblau, vereinzelt auch Pastell für eine Sommerkollektion. Im
Ganzen wirken die Kollektionen puristisch minimalistisch, mit hin
und wieder kleinen modischen Brüchen. Stylisch weiße Schuhe, eine
weiße taillierte kurze Jacke, an einer Lederjacke ein weiter
Strickkragen, hauchdünne, leicht transparente schwarze langarmige
Pullover verleihen dem Träger eine modische Aussage. Die Ledergürtel ohne
Schnalle trennen als streifiger
Farbkontrast die weiße Hose vom schwarzen Shirt. Viele Hemden haben
kleine Stehkragen. Auf professionellen Fotos tragen die Mode ausgesucht schöne
Männer, sehr jung. Dabei können Kunden leicht übersehen,
dass die Linie für jedes Alter tragbar ist. Diese Mode begeistert
nicht nur treue Fans, die aus jeder Kollektion mindestens fünf
Teile besitzen, sondern auch jene, die in den Stores in Tokyo,
Osaka, Chicago, Vancouver, Berlin, Köln, Wien und vielen weiteren
Städten weltweit kaufen. In Japan erwerben auch weibliche Kundinnen
IO
und tragen die Hemden oder Hosen selbst. Zusätzlich zu den zahlreichen
Verkaufsflächen läuft der Vertrieb auch übers Internet in den
Onlinestores yoox und Stylserver.
So wie Karl Lagerfeld abgenommen
haben soll, um in die schmal geschnittenen Anzüge von Hedi Slimane
zu passen, ist vorstellbar, dass Brioni Anzüge auch mal auf der Stange
bleiben, wenn IOs Kleider
daneben hängen.
Multibrand
Store mal Vier
Mientus gibt es in Berlin vier Mal. Die Filialen unterscheiden sich jeweils in ihrer Ausrichtung. Am Kurfürstendamm 52 gibt es eine Besonderheit, „auf die wir sehr stolz sind: wir verkaufen hier in Berlin Tom Ford. Weltweit gibt es nur knapp 20 Läden mit diesem Label, in Deutschland sind wir einer von zwei Standorten“, sagt Jan Apel, zuständig für PR und Marketing. Neben den laufenden Kollektionen der Marken Prada, Etro, Gucci, Dolce & Gabbana u.a. gibt es in der Filiale in der Schlüterstraße mit den Marken Y-3, Dior, Dsquared² u.a. ein etwas sportlicheres und wilderes Angebot.

Foto: Mientus Flagshipstore, Berlin
Als Herrenausstatter im höheren Preissegment gibt es
Mientus schon seit über 50 Jahren. Doch nicht nur darauf
sind die Mitarbeiter stolz: Da ist das Aquarium im 1. Stock in der Schlüterstraße, die
Lichtdecke am Kurfürstendamm, die schwarzen Morano-Glasleuchter in
der Bleibtreustraße und eine Auswahl auf vier Etagen in der
Wilmersdorfer Straße.
Die „Monobrand Stores“ in
unmittelbarer Nähe sieht Herr Apel nicht als direkte Konkurrenz,
denn ein Multibrandstore sei etwas anderes.
Die Beratung ist erstklassig, wenn einem Kunden was nicht
steht, „dann soll man das bitte auch sagen“. Auch kann genau
erklärt werden, weshalb einige Stücke so teuer sind. Es gibt eine
Fülle an Mitarbeitern, die sofort zur Seite stehen. Und natürlich
zählt die unschlagbare Qualität der großen Namen. „Wenn ein
Kleidungsstück nicht gut verarbeitet ist, nehmen wir es nicht“.
Der Trend geht wieder zum Sneaker, aber auch zum klassischen
Lederschuh. Basics, wie bedruckte
T-Shirts, gehen immer gut.
Aber auch die Klassiker wie Hemden und Anzüge. "Und natürlich
Designer-Jeans," so Apel ,"ohne die man sich kaum noch auf die Straße wagen
kann..."
>>Online-Fashionguide zum Thema Männermode und Herrenausstatter in Berlin
Vorschau:
In unserer März-Ausgabe 2008 erwartet Sie unsere Reportage über
Kindermode in Berlin...
Lesen Sie auch folgende Reportagen:
-
Modedesign in Berlin: >>mehr
-
Schmuckdesign in Berlin: >>mehr
-
Hochzeitsmode in Berlin: >>mehr
-
Schuhmode in Berlin: >>mehr
-
Hutmode in Berlin: >>mehr
Buchtipp:
Möchten Sie diesen Artikel kommentieren?
Email an: Leserbriefe@modekultur.info
Ausgabe Februar 2008






