Auf unserer Sonderseite "We fashion you!" stellen wir die Modeschulen in Berlin vor. In diesem Monat berichten wir über die Kunsthochschule Weissensee.
Text: Cornelia Liese
Experimentelles
Design in Bauhaus-Tradition

Eine
internationale Karriere als erfolgreiche Modedesignerin, davon träumen
sicherlich viele. Clara Leskovar, Textildesignerin, und Doreen
Schulz, Modedesignerin, beide zusammen besser bekannt unter dem
Namen ihres Labels c.neeon haben
den internationalen Durchbruch geschafft. Damit sind sie
die bekanntesten Absolventinnen der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Seit dem Diplom im Jahr 2004 erlebte das Designer-Duo
in den letzten drei Jahren einen rasanten Aufstieg und räumte
zahlreiche Preise ab. Zuletzt waren
sie als einzige Deutsche bei der Fashion Week in London vertreten.
Vor
einer solchen Karriere steht aber meist erst einmal das Diplom,
beziehungsweise seit dem Jahr 2007 der Bachelor oder der
Masterabschluss. Dazu gehören auch eine theoretische Arbeit von 40
bis 60 Seiten und eine Abschluss-Kollektion, die in der Regel aus
sieben bis acht Teilen besteht. Das Studium selbst umfasst
mindestens fünf Jahre Unterricht in Theorie und Praxis. Nadine
Welches ist seit drei Jahren Studentin an der Kunsthochschule
Berlin-Weißensee. „Innerhalb der Regelstudienzeit ist das Pensum
hier kaum zu schaffen“, glaubt die Studentin der Fachrichtung
Modedesign. Die gelernte Goldschmiedin hatte sich vor vier Jahren an
der Kunsthochschule beworben und sich gegen mehr als 350 Bewerber
durchgesetzt. Das Auswahlverfahren dauerte insgesamt vier Monate,
vom November bis zum Februar: Erst musste sie sich zu einer
Eignungsprüfung anmelden und auf eine Zulassung warten, dann eine
Mappe mit zwanzig bis dreißig eigenen künstlerischen Arbeiten
einreichen und schließlich noch, beim eigentlichen
Auswahlverfahren, eine zweitägige Prüfung bestehen.
„Textilwerkstatt“ steht in Maschinenschrift auf dem kleinen grauen Schild an der Tür. Aus dem Raum dringt leise ein gleichmäßiges surrendes Geräusch. Wenig später, das Geräusch ist verstummt, tritt die dunkelhaarige Studentin aus dem Raum. In der Hand ein kleines Gebilde aus leuchtend blauer Wolle: Eine erste Strickprobe, frisch aus dem Strickautomaten. „Ich bin voll der Farbenjunkie!“ erklärt sie ihren Entwurf. Was die Probe einmal werden soll, kann man bis jetzt nur erahnen: Geplant hat sie einen Rollkragenpullover in ultramarin mit goldenen Applikationen. Sehr eigenwillig, nicht unbedingt trendig. Der Puls der Zeit scheint hier keine Rolle zu spielen. Im Fach „Industrielle Umsetzung“, für das dieser Entwurf entstanden ist, geht es um mehr als Kreativität. „Es geht darum, die Designideen auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen. Auch die Kommunikation mit den Schneidern, genaue Anweisungen zu geben, so etwas ist wichtig!“ erklärt Professor Rolf Rautenberg, der dieses Fach unterrichtet.

„Industrielle Umsetzung“ ist eine Aufgabe für
Fortgeschrittene, deshalb findet dieses Seminar immer im vierten und
damit letzten praktischen Studienjahr statt. Meist wird Männerstrick
umgesetzt. Dies ist nicht etwa des Professors Steckenpferd, sondern
nimmt in der deutschen Bekleidungsindustrie einen großen Anteil
ein. Diesmal soll unter dem Motto „Blaumann und Broker“ eine
Herrenkollektion entworfen werden. Rolf Rautenberg hat nach seiner
Schneiderlehre in Berlin studiert. An der Universität der Künste,
die damals noch „Akademie für Werkkunde und Mode“ hieß. Jetzt
führt der Professor für Modedesign, bekleidet im sportlichen
Outfit und mit Turnschuhen durch
einen schmalen Flur im zweiten Stock des Flachbaus in der Bühringstrasse
20. Hin und wieder öffnet er eine Tür und gibt den Blick auf die
Arbeitsräume frei. „Jeder Student hat hier seinen festen
Arbeitsplatz mit allem was dazu gehört: einem Tisch selbstverständlich,
einer Nähmaschine und einer Schneiderpuppe. Dass in jedem Jahr nur
fünfzehn Neue aus den zahlreichen Bewerbern ausgewählt werden können,
liegt in erster Linie an den beschränkten räumlichen Kapazitäten!“,
beschreibt der Professor die Situation der Hochschule.
Groß
ist das dreigeschossige Gebäude tatsächlich nicht. Rund 600
Studenten teilen sich hier elf verschiedene Werkstätten. Das
Besondere ist, dass alle Studenten Zugang zu allen Werkstätten
haben. Interdisziplinäres Arbeiten soll dadurch gefördert werden,
so die Idee. Manchmal entstehen im Grundkurs des ersten Jahres auch
langjährige Freundschaften oder eben auch Erfolgsteams, wie im Fall
von c.neeon. Neben
verschiedenen Drucktechniken wie Offset, Siebdruck, Lithographie und
Tiefdruck, können die Studenten hier auch Tuften, Sticken, Spulen,
Stricken und Weben, die Buchbinderei, Modell- und Objektbau und die
Bronzegusstechnik lernen. Die Schweißerei sowie ein Foto- und
Computerstudio stehen ebenfalls allen Studenten offen, um nur einige
der Möglichkeiten der vielfältigen Werkstattnutzung aufzuzählen.
Angelehnt ist das Lehrkonzept mit dem obligatorischen einjährigen künstlerischen
Grundkurs und den Werkstätten für alle an ein berühmtes Vorbild,
das des Bauhauses.
Weitere Infos zur Ausbildung unter: www.kh-berlin.de
Die Fotos wurden freundlicherweise von der Kunsthochschule Weissensee zur Verfügung gestellt.
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Modenschau mit Semesterarbeiten und Abschlusskollektionen der
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Ausgabe Dezember 2007

