Text: Jörg Buntenbach
Foto: Michael Ledray (Quelle: Shutterstock)

Jetzt
müssen die Hosen runter gelassen werden!
Ende Januar feierte Berlin sich wieder einmal als Modestadt. Die
Modemessen Premium, Bread & Butter (@Kraftwerk), Ideal und die Spirit of
Fashion sowie einige Trendshows zeigten deutlich, welches Potential
in der einzig ernstzunehmenden Großstadt zwischen Moskau und Paris
liegt. Sie zeigten jedoch auch, welche Baustellen noch auf
Fertigstellung warten.
Beim Premium-Symposium, das der Frage "Why Berlin?"
nachging, saßen namhafte Menschen wie Harald Wolf (Bürgermeister
und Senator), Massimo Redaelli (IMG Fashion Europe), Thierry Prévost
(Direktor der Galeries Lafayette Berlin) vor Modefachleuten und der
Presse und erzählten, wie "fucking good" und glorreich
die Modestadt Berlin sei. Vor allem vor dem Hintergrund, dass mit
Mercedes Benz und der Veranstaltungsagentur IMG hochkarätige
Partner gefunden wurden, die dem Modeevent zukünftig tatsächlich
die Größe verleihen könnten, die angemessen wäre. Und der Termin
steht fest: vom 12. bis zum 15. Juli 2007 soll parallel zu den
Messen ein Catwalk am Brandenburger Tor aufgebaut werden. Damit wäre
der Berlin Fashion Week endlich auch ein breiteres Publikum
gewiss, das der Modezirkus im allgemeinen nun einmal zum Überleben
braucht. Auf dieser Baustelle wird also augenscheinlich in die Hände
gespuckt.
Doch vorerst zurück zum Hier und Heute: erst hieß es, die Bread
& Butter-Messe ziehe sich ganz aus Berlin zurück und engagiere
sich nur noch in Barcelona. Sicher eine wirtschaftlich
nachvollziehbare Entscheidung, da die Besucherströme in Barcelona für
sich sprachen und sprechen. Dann jedoch die Entscheidung, eine
kleinere Veranstaltung im Kraftwerk durchzuführen. Wahrscheinlich,
weil die Politik im Hintergrund noch ein paar Fäden fassen und
Entscheidungshilfen geben konnte (hoffentlich wurde nicht wieder ein
Fördertopf geplündert!). Die Premium wollte den Weggang der Bread
& Butter für sich ausschlachten und im Hangar vom Flughafen
Tempelhof das Segment des Bread & Butter-Profils etablieren.
Daraus wurde am Ende nichts. Mangels Masse, sprich Ausstellern. Der
Flughafen-Hangar blieb eine unvollendete Baustelle.
Wenn man den allgemeinen Aussagen Glauben schenken darf, war auf den
Messen offensichtlich einfach zu wenig los. Soll heißen, die
notwendigen Einkäufer bleiben fern. Doch Masse bedeutet bekanntlich
nicht immer Klasse und man muss differenzieren, denn es gab durchaus
Kollektionen, die ihre Abnehmer fanden. Individuelle Eleganz in
hochwertiger Verarbeitung war offenbar gefragt. Der Berliner Trash
der vergangenen Jahre hingegen scheint mehr und mehr auf Ablehnung
zu stoßen. Und das ist die nächste Baustelle, an der die Berliner
Modeszene noch arbeiten muss. Die Community darf sich selbst nicht
im Berlintopf kochen und immer wieder in die Welt hinaus schreien,
dass Berlin hip und cool und dreckig ist. Große Klappe alleine
reicht auf Dauer nicht! Eher sollte es so sein, dass jeder einzelne
Modedesigner sich selbst ernst nimmt, am eigenen Profil arbeitet,
sein Produkt professionell vermarktet und dabei auch noch auf Qualität
achtet.
Laut diverser Imagebroschüren gibt es zwischen 600 und 800 aktive
Modedesigner in der Stadt. Aber jeder Taxifahrer ist ja auch
Drehbuchautor. Der Unterschied liegt darin, dass die hiesige
Modebranche von Seiten des Senats ideell und finanziell unterstützt
wird. Während Drehbuchautoren ihre Ideen und Werke größtenteils
bis zum ersten Drehtag zwischenfinanzieren, erhalten Modedesigner
auf Antrag durchaus lukrative Förderungen und können sich
ausprobieren. Und das ist ja auch gut so, denn das kann den Standort
Berlin durchaus stärken. Dennoch: irgendwann sollte man damit aufhören,
sich von Fördertopf zu Fördertopf durchzulavieren. Eine Idee muss
sich auf Dauer auch selbst tragen.
Damit sind wir beim Alltag angelangt: viele Modedesigner können von
ihrer Mode nicht leben und gehen Zweit- und Drittjobs nach, denn es
fehlen die Käufer. Der Berliner an sich ist eher ein Modemuffel. In
Schrebergärten ist eben der bequeme Jogginganzug angesagt. Also ist
man auf die Touristen angewiesen, und die kommen zahlreich. Doch
auch hier gibt es einen Haken, denn in Zeiten der Billigflieger
kommen nicht unbedingt die kaufkräftigen Kunden an die Spree. Da nützt
auch die alte Leier nichts, dass Berlin bezahlbar sei, denn der
Teufelskreis der Wirtschaft kennt kein Erbarmen: keine Knete heißt
kein Verdienst heißt keine Investitionen heißt Abwanderung oder
Pleite oder jede Nacht geile Party, um sich abzulenken.
Die eigensinnige Berliner Lebensphilosophie galt jahrelang als
charmant und unkonventionell. Das muss sicher auch ein Stück weit
so bleiben, doch um auf internationaler Bühne bestehen zu können,
bedarf es auf Dauer mehr. Ein gesunder Mix aus Eleganz, Avantgarde
und Trash in Verbindung mit souveräner Professionalität wäre
angebracht. Denn Berlin kann nicht auf Dauer eine Baustelle sein und
dabei versuchen sich ständig neu zu erfinden, denn was auf Dauer zählen
wird, ist Kontinuität und Verlässlichkeit. Genau das bringt die
Stadt aber noch nicht. Das ist zwar charmant, hilft auf Dauer aber
nicht weiter. Mir klingeln immer noch die Worte eines
Messe-Einkäufers in den Ohren, die durchaus prophetische Qualität
annehmen könnten: "Berlin hat gewaltiges Potential, es muss
aber endlich einmal die Hosen runter lassen und beweisen, dass sich
hier tatsächlich etwas entwickelt. Ansonsten suche ich mir zukünftig
eine andere Baustelle."
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Ausgabe Februar 2007


