Text: Manuela Reisbeck
Foto: Elke Koepping

Galeries Lafayette
Weihnachten steht wieder vor der Tür, und obwohl
die Außentemperaturen uns noch den Anschein eines milden Herbstes
vermitteln, hat sich die Stadt auf dieses bunte Fest des Konsums
vorbereitet. So auch mein Lieblingskaufhaus. Das Schaufenster ist
geschmückt – in rot. Eine mit knapper roter Unterwäsche
bekleidete Puppe, in leicht provokanter Pose, darüber in
glitzer-roter Schrift: Ride me! Wie Santa den Schlitten, wie die
junge Elisabeth Taylor das Pferd Fury, wie ... Aha, Sugar Daddy und
Big Spender sind hier mal wieder gefragt!
Ja, ich könnte es einfach ignorieren oder dezent belächeln, wie es
sich für die emanzipierte Frau von heute gehört. Es ist nur eine
Schaufensterdekoration und kein Affront gegen den Feminismus. Marketing-Maßnahmen werden schließlich
emotionslos kalkuliert. Sex sells! Das hat er immer getan und er
wird auch weiterhin für Verkaufsschlager sorgen.
Und dennoch, ich bin entsetzt! Über das Schaufenster natürlich!
Oder über mich selbst? Panik steigt in mir auf. Ich bin eine
verkappte Emanze! Sofort gelobe ich Besserung und schwöre, bloß
niemandem von meiner neuerrungenen Selbsterkenntnis zu verraten.
Ich habe vorehelichen Sex genossen, erzähle gern schmutzige Witze
und zähle mich sogar zu den Frauen, die zu besonderen Anlässen als
Bunny mit Fliege das Schlafzimmer betreten! Die selbstgestrickten
Wollsocken habe ich seit langem gegen hochhackige Stilettos
ausgetauscht und Komplimente zu meinem Äußeren sind mir
ausnahmslos willkommen. Warum rechtfertige ich mich also? Wenn ein
harmloses Schaufenster mich attackiert, mir völlig unbegründet das
Gefühl vermittelt, ich sei durch diese banale Aufforderung in die
Schranken verwiesen oder gar von einer selbstbewussten Person zu
einem reinen Sex-Symbol degradiert, so sollte ich es auch wagen, es
auszusprechen.
An dieser Stelle möchte ich direkt von dieser neuerlangten,
erfrischenden Befreiung Gebrauch machen und offiziell deklarieren,
dass entgegen der gängigen Volksmeinung gestresste Frauen mehr als
nur "einen guten Fick" zur Heilung benötigen. Jetzt ist
es endlich raus!
Nun die gute Nachricht. Neben Chauvinismus gibt es bei genauerem
Hinschauen zum Glück noch eine zweite Interpretation dieser öffentlichen
Aufforderung zur Schlittenfahrt mit Santa, nämlich die, dass Frauen
von heute aktiv bestimmen und nach dem Kanzleramt nun auch die
letzte männliche Bastion erobern, die offene Sexualität.
Halleluja!
Zum Schluss noch ein kleiner Tip an Marketingexperten und
Schaufensterdekorateure: Seit Jahren sind es die Frauen, die auch
und gerade in der Vorweihnachtszeit das meiste Geld ausgeben, und
immer mehr davon können sogar behaupten, dass es ihr eigenes ist.
Es wird also an der Zeit, auch das Big-Spender-Image an die heutigen
Gegebenheiten anzupassen. In diesem Sinne: Ihr Mars-Männchen, zieht
Euch warm an, wir Venusgeschöpfe sind im Anmarsch – mit oder ohne
Hüllen!
Ausgabe Januar 2007

