Text: Manuela Reisbeck
Foto: Jochen Moravek (photocase)

Haben Sie jemals im Geschäft
ein Parfüm ausgesucht? Ich meine wirklich? Vor einiger Zeit habe
ich im "New Yorker" einen Artikel über die Entstehung
eines neuen Parfüms gelesen und war überrascht und begeistert
zugleich: ein wenig mehr Orange oder vielleicht doch eher Zitrone,
den Jasminduft durch Mango verstärken… das muss doch ein Witz
sein. Ich bin froh, wenn ich Kreuzkümmel von Anis unterscheiden
kann, Rosmarin und Basilikum geht gerade noch so, Rosenduft ist natürlich
BINGO, ein sicheres
Gebiet, alles danach wird schon schwierig.
Ich stelle mir also leicht ergraute Männer vor, die damit angeben,
solch fähige Nasen-Epithelien zu besitzen. Sie sitzen an einem
runden Tisch und wenden ihre stinkenden Zigarren im Mundwinkel.
Dabei unterhalten sie sich lebhaft darüber, was sie uns dieses Jahr
als neue "Kreation" auftischen könnten. Am besten kurz
vor Ostern. "Nach den grünen Mangos sollten wir jetzt
vielleicht grüne Bananen ausprobieren, das hat zusätzlich noch den
Öko-Chic", könnten sie sagen. Alles gut mischen, einen tollen
Namen erfinden, am besten kindlich-sinnlich, fertig ist das Produkt.
Der Mann kauft, die Frau sprüht, das alles aus dem Hause Chanel,
Dior, Armani und Co. Die Kasse stimmt, das Image auch.
Nein, ich musste ganz im Gegenteil erfahren, dass es tatsächlich
Leute gibt, die offensichtlich ganz bewusst neue Duftnoten
komponieren, ähnlich einem Küchenchef oder Komponisten. Note für
Note, jeder Baustein ist genauestens durchdacht, nichts dem
olfaktorischen Zufall überlassen. Jeder Extra-Dreh des Sinnessaftes
wird erwogen, ausprobiert und vielleicht am Ende doch verschmäht.
Im Gemisch Orange von Zitrone, von Mandarine und von grüner Mango
(!) zu unterscheiden, ist nicht die Kunst, sondern die Voraussetzung
ihres Metiers. Sie sind ausgebildet, erprobt und künstlerisch
berufen.
"Das weiß doch längst jeder", werden Sie jetzt sagen,
aber weiß auch jeder, was wirklich dahintersteckt? Und wenn Sie im
Laden ein Parfüm aussuchen, sind Sie in der Lage, die Komposition
zu verstehen? Haben Sie es überhaupt jemals probiert?
Meine Mutter sucht einen Duft aus. Fertig. Sie liebt Chanel, ob Nr.
5, Coco oder Allure. Sie riecht und fühlt sich angesprochen, mehr
nicht. Sie denkt nie daran, ob es bitter, süß, sauer oder blumig
wirkt, es muss ihr gefallen. Sie denkt nicht darüber nach, warum es
für sie immer Chanel sein muss. Sie weiß nichts über eine
einheitliche Parfümlinie, die Duftunterschrift des Createurs. Nach
Connaisseur-Kriterien hat sie demnach nie wirklich gerochen, was
verzeihlich ist, denn angeblich kann es auch nicht jeder. Oder doch?
So fand ich mich vor kurzem in einem Berliner Edelkaufhaus wieder,
nichts besonderes stand an, lediglich eine Stunde Wartezeit bis zur
Physiotherapie, dabei kein Geld in der Tasche oder auf der
Kreditkarte. Und was macht die Frau? Sie schlendert.
Da fiel mir der Artikel von vor einem Jahr wieder ein. Un jardin
sur le Nil hieß der Duft, Ein Garten am Nil übersetzt. In der
Tat ein außergewöhnlicher Name für ein Parfüm, wo heute doch
alles kurz und prägnant benannt wird: Fire, Angel, Poison –
schnelle Begriffe, die unsere Aufmerksamkeit schnell anziehen,
leicht zu merken sind und entsprechend leicht beworben werden können.
"Du riechst toll, was ist es?“", "J’adore von
Dior!" und schon huscht man auf der Party weiter zum nächsten
Small Talk. Stellen Sie sich nun die Antwort "Un jardin sur le
Nil" vor, "Wie bitte?", "Mein Parfüm – übersetzt
heißt es …“ und so sind Sie noch weitere 10 Minuten in ein
Gespräch verwickelt. Mit dem alten Hausmeister, dem fetten Chef,
der Ihnen dauernd an die Wäsche will, – nur wenn Sie Glück
haben, geht es um den Traummann.
Nein, Un jardin sur le Nil muss innigst gewollt sein. Er ist
kein Zufall, kein Trend, kein Hauch von Jetset, sondern eine
Geschichte. Mann bzw. Frau (es ist in der Tat ein Unisex-Produkt!)
muss sich dem Duft verbunden fühlen, er ist das Kunstwerk, der
Hauptdarsteller. Und der Name? Tja, eine lange Geschichte. Eine Parfümgeschichte.
Im Hause Hermes sollen die Parfüms die Fashion-Kollektion
unterstreichen und jedes Jahr unterliegt einem Motto. Nach dem
Mittelmeer des Vorjahres war der Nil an der Reihe. Jetzt könnte man
denken, dass sich der Parfumeur in sein Labor einschließt und
seiner Vorstellung entsprechend einen Duft kreiert, der an Ägypten,
Cleopatra und Beduinen erinnern lässt. Zimt, Edelhölzer und
schwere Süße kommen einem direkt in den Sinn, doch das ist Un
jardin sur le Nil ganz und gar nicht.
Sein Createur kannte sich offenbar auch nicht mit den Gärten am Nil
aus, also machte er sich auf die Suche nach dem ultimativen
Dufterlebnis direkt vor Ort. Er hat ihn lange gesucht und in Form
einer grünen Mango gefunden. Angeblich duften sie nur solange sie
am Baum hängen. Ihre perfekte Duft-Illusion hat er dann in seiner
Giftküche aus dreißig verschiedenen Zutaten gemischt, darunter
Bitterorange, Pinienholz, Honig und – wer hätte das gedacht? –
sogar Karotte!
So stehe ich also im Kaufhaus, drehe den Verschluss auf,
konzentriere mich auf meine Geruchssinne und atmete tief ein. Welch
eine Überraschung!
Es ist nicht nur ein Duft, den ich wahrnehme, sondern eine ganze
Komposition. Als erster Eindruck, weit vorne, sind die Zitrusfrüchte,
besonders die Bitterorange. Mit dem Verdampfen des Alkohols drängelte
sich die Süße vor und am Schluss kommt und bleibt eine frische und
dennoch reichhaltige Note, die grüne Mango.
Ich habe nie in meinem Leben eine grüne Mango gesehen. Ich habe
also keine Ahnung, wie grüne Mangos, die noch dazu am Baum hängen,
duften. Aber ich schwöre es, in Un Jardin sur le Nil – da
kann man sie riechen.
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Ausgabe März 2007

