Text: Manuela Reisbeck
Foto: Kay Herschelmann

Ich bin kein Kunstkritiker. Ich verstehe von
Fotografie gerade mal so viel, dass ich mich zur allgemeinen Masse
der Freizeitfotografen zählen darf. Dennoch glaube ich Außergewöhnliches
in der Kunst zu erkennen und das schlichtergreifend Schlechte mit
Leichtigkeit zu enttarnen. Natürlich ist Kunst Herzenssache,
neuerdings jedoch auch Prominentensache. Es heißt, Heidi Klum nehme
ihre erste Musik-CD auf, und so ist wohl auch der berühmte Karl
Lagerfeld seit Jahren ein begnadeter Fotograf. Zum ersten mal werden
seit Dezember seine Werke im Berliner Postfuhramt ausgestellt. Sogar
der wieder regierende Bürgermeister erwies dem Event die Ehre und
natürlich der Meister persönlich.
Die Ausstellung unter dem Namen "One man shown" zeigt dem
Titel entsprechend die Chronik einer Obsession, und das auf über
350 Bildern. Zu bewundern sind -zig Portraits von Brad Krönig, mal
scharf mal verschwommen, mit Marine-Cap oder Skimütze, mal nach
links schauend, mal geradeaus und auch mal nach rechts, mal mit
Schmollmund und mal lächelnd. Dann die Nacktbilder, nackter Oberkörper,
nackte Beine, mal am Fenster, mal dahinter, mal scharf, mal
verschwommen. Langweilig?
Das Gefühl, zurück in die soften achtziger Jahre mit ihren
Boy-Kalendern versetzt zu sein, macht mir tatsächlich zu schaffen.
Zum Glück bin ich nicht allein, begleitet von meiner
hochschwangeren Freundin mühe ich mich durch die Menschenmassen zu
dem Raum, in dem die Künstler des Abends erwartet werden. Wieso
Plural? In der Tat stammen die Bilder zwar von K. L., der eigentlich
wahrhaft Talentierte ist aber wohl das Modell.
Der "Sage" nach, die uns vom Pressesprecher mit
melancholischer Stimme erzählt wird, wachte dieser junge Mann, Brad
Krönig, eines morgens in seiner Studentenbude in Miami auf und
wusste, "Ich habe ein Talent – fotografiert zu werden!"
Zum Glück für ihn und für K. L. war der Vater sofort von dieser
Erkenntnis überzeugt und spendierte dem Sohn ein Flugticket nach
New York, wo er über 3 Jahre lang von K. L. fotografiert werden
durfte.
Da uns an dieser Stelle die Details fehlen, gehen wir einfach davon
aus, dass er an K. L.s Tür klingelte, sich zum Nachmittagstee anbot
und vor lauter faszinierend-wechselnder Ausstrahlung –mal in
Marine-Uniform, mal soft über den Dächern Manhattans – auch
bleiben durfte.
Nein, Brad ist nicht nur ein furchtbar attraktiver Mann, er ist ein
Talent. Er wird hochstilisiert zu etwas, das objektiv nicht
existiert. Er ist nicht der Künstler, er ist das Modell und damit
der passive Part des Deals. Das Geschwätz geht noch weiter. Brad
scheint die Fähigkeit zu besitzen, mehr zu ahnen als er weiß –
tun wir das nicht immer? Und: für ihn ist es von der Mythologie zur
Modernität nur ein Schritt – was das auch immer heißen mag!
Am schönsten finde ich es übrigens, dass er angeblich
"stirbt, sobald der Scheinwerfer erlischt." Aber zuerst
gehen die Scheinwerfer an und der Meister, gefolgt vom Künstler in
Zivil, betreten die Schaubühne. Man muss ihn nicht live gesehen
haben, denn es macht keinen Unterschied zu den Bildern: ein softer Jüngling
mit ausdruckslosem Gesicht. Meine Mutter würde sagen, ohne Salz und
Pfeffer. Der Meister selbst lohnt sich ebenfalls kaum in Natura. Das
bebrillte Gesicht verzieht keine Miene, der bekragte Hals ist steif
und die gesamte Haltung mumienhaft. K. L. ist in der Tat ein Künstler.
Innerhalb von zehn Minuten war der Spuk vorbei, die Rampenlichter
wurden gelöscht, der Pulk stürzte sich ins Berliner Nachtleben.
Es war kein Kunstspektakel, aber sehr wohl ein Spektakel der höheren
Society. Was die ausgestellte Kunst angeht, bleibe ich weiterhin
skeptisch. Wenn man ein Fazit formulieren möchte, so könnte dieses
für K. L. lauten: "Schneider bleib bei Deinem Maßband",
oder wie der Amerikaner gern sagt, "Don’t give up your day
job!". Soweit es um K. L. geht, ist das sicher nicht das
schlechteste Los.
Karl Lagerfeld. One Man Shown. Noch bis zum 04. Februar 2007 im
alten Postfuhramt in der Oranienburger Straße. Öffnungszeiten:
Mo-So 11.00 – 20.00 Uhr. Website...
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Ausgabe Januar 2007

