Text: Manuela Reisbeck
Foto: Tim Becker
Wer liebt sie nicht, diese besondere Zeit des Jahres? Der
Weihnachtsstress ist vorüber, die guten Vorhaben für das neue Jahr
längst vergessen und die alten Sünden wieder hoch im Trend. Dazu
eine Prise kaltes Wetter und eine große Portion Ausgehmüdigkeit.
Die Abende werden in weichen Decken eingehüllt vor dem Fernseher
verbracht und das ist gut so, denn der Anfang des Jahres hat gleich
viele Höhepunkte zu bieten: die Schönen und die Berühmten dieser
Welt reichen sich die Hände und wir dürfen von zu Hause aus dabei
sein.
Und so startet auch dieses Jahr der Red-Carpet-Marathon bereits mit
den Golden-Globe-Awards im Januar, die Franzosen übernehmen die
Staffel in Cannes, im Anschluss daran breitet die Berlinale Anfang
Februar den roten Teppich aus. Die absolute Klimax ist auch in
diesem Jahr wieder die heißerwartete Oskarverleihung Ende Februar.
Für alle diejenigen, die nicht den leisesten Schimmer haben, wovon
ich rede, also jene mikroskopisch kleine Gruppe der
Nicht-Gala-Leser, hier ist der Deal: Jeweils zu Anfang des Jahres
treffen sich die Promis, um sich in gegenseitigem Lob zu ereifern. Für
die harte Arbeit des Vorjahres gibt es dann glitzernde Preise in
Form von goldenen Kugeln, kahlen Männchen, Palmenzweigen, Bären
oder Bambis (diese letzten sagen meiner Tochter besonders zu, sie
will jedes Mal auch eins haben und ich muss sie auf das nächste
Jahr vertrösten: "Honey, wenn Du nur hart genug an Deiner
Aussprache arbeitest, wirst Du eines Tages vielleicht den goldenen
Kita-Kasper-Preis bekommen. Du musst nur fest daran glauben!").
Die Preise werden tränenreich und leicht hysterisch in Empfang
genommen ("Oh mein Gott, ich kann es nicht fassen, das kommt so
überraschend") – insbesondere wenn man bedenkt, dass
mindestens seit Wochen die Nominierung bekannt ist und damit die
Sechstel-Chance zu gewinnen. Gedankt wird dann den Eltern und den
aktuellen Liebsten, auch wenn die Scheidung längst eingereicht ist,
wie wir aber erst nach den PR-reichen Wintermonaten erfahren werden.
Und am Ende dankt man uns, dem Publikum, und spätestens jetzt
greifen auch wir zu Hause nach dem Taschentuch. Welch ein Glück,
George Clooney hat tatsächlich auch an mich gedacht!
Am schönsten ist aber immer der Anfang dieser Veranstaltungen. Wir
dürfen stundenlang den Promis beim Einzug in die jeweilige Location
zuschauen. Ja, daher der Ausdruck vom Red-Carpet-Walk. Früher
hatten wir Königsfamilien, denen wir beim Schreiten über rote
Teppiche zujubeln durften. Als wir aber erkannten, dass wir,
diejenigen, die diesen feurigen Teppich eigenhändig geknüpft haben
und nach jeder Nutzung auch eigenhändig wieder reinigen, niemals
unseren Fuß darauf setzen werden, da beschlossen wir, die Königsfamilien
wieder loszuwerden. Aber, wie das nun mal im Leben so ist, die Summe
aller Süchte bleibt immer gleich, und daher haben wir Hollywood
erfunden.
Die Promis laufen jetzt auf unseren roten Teppichen in sündhaft
teuren, geliehenen Haute-Couture-Kleidern – wenn sie schon nicht
dafür bezahlen können, für wen machen sie dann eigentlich
Werbung? Nebensächlich! Mit glitzerndem Schmuck üppig behängt –
ebenfalls geliehen – lächeln sie in die Kameras, posieren von
allen Seiten und ab und zu sagen sie etwas wirklich Nettes in die
vorgehaltenen Mikrophone. Da sind sie, die galanten Schwiegersöhne,
die sich meine Mutter immer gewünscht hat, die liebenswürdigen und
doch so bescheidenen Stars (alle finden sie jedes Jahr wieder neu,
dass die Konkurrenz die Trophäe eigentlich viel besser verdient
hat).
Für alle, die so viel Aschenputtel und Schneewittchen auf einmal
jedoch nicht vertragen können: es darf auch gelästert werden. Zum
Glück sind Promis und ihre Fashion-Berater nicht unfehlbar! Aber am
Ende lieben wir sie doch, unsere Kidmanns, Jolies und Pitts, dafür,
dass sie reich und schön sind, dafür dass wir ihnen beim Spielen
auf dem Weltparkett zuschauen dürfen und uns zeigen, wie es sein könnte,
wenn wir nur ...
So viel Zeit, um sich das vor Augen zu führen, muss nun schon mal
sein, oder?
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Ausgabe Februar 2007


