Text: Anna Lucht
Fotos: © modekultur.info
InFashion: Fight for your right! Rein ins Apartment, weg mit Exotismen.

„We have the same problem“ sagt die berühmte japanische Modejournalistin Sanae Shimizu und meint damit, dass sowohl japanische als auch Berliner Newcomer auf die exklusiven Modewochen in Paris und Mailand schielen. Schlimmer noch, sie kopieren deren Stil. Aufgabe der Journalisten und Medien sei es hier wie dort, über die eigenen Talente zu schreiben und diese publik zu machen. Ist aber die Thematisierung dieses Phänomens nicht schon Teil des Problems? Weshalb ein Vergleich? „I feel quite relaxed about it“ sagt die um mindestens eine Generation jüngere Modedesignerin, Xiaolu Wang aus China, die u.a. am Central St. Martins College of Art and Design in London studiert hat. Richtig, möchte man ihr zurufen, es ist egal, ob wir Asiaten oder Berliner aus der Branche auch gerne über Prada und Yves Saint Laurent sprechen. Die sind gut und wir sind gut.
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Wie wird Magie erschaffen? Indem es Events wie die InFashion gibt, bei denen 20 junge Talente aus China, Japan, Korea, Malaysia, Vietnam, Singapur, Indonesien, Thailand und Berlin eben diese Stadt für 3 Tage zu einer globalisierten Mode-Plattform machen. |
Berlin
sieht, was in fashion ist und die jungen Talente bekommen die Möglichkeit,
ihre unglaubliche Vielfalt an Kreativität zu präsentieren.
Dank InFashion sind im Kosmos, dem ehemaligen Kino in der
Karl-Marx-Allee 5 Modenschauen sowie die Showrooms junger
Designtalente zu sehen. „So viele Schauen gab’s nicht mal auf
der Bread & Butter“, sagt Karin Leiberg, press manager von
Fashion Patrons.
Und
was sagen die Designer? Auf Berlin haben sich alle gefreut, die
meisten sind zum ersten Mal hier. Was sie sich anschauen werden:
„Mitte“ sagt Yasuo Haruyama der beiden Labels „Fight For Your
Right“ und „agharta“. Es gibt ein Geschäft, in das er seine
Kleider am liebsten zum Verkauf geben würde: das Apartment in der Nähe
des Alexanderplatzes (Memhardtstr. 8). Auch Xiaolu Wang kennt und mag
dieses Geschäft. Der Stil beider Createure, die ausschließlich Männerkollektionen
vorführen, ist ohne Zweifel Berlin-tauglich. Die Streetwear ist so
cool, dass selbst die Organisatoren sie schon tragen. Yasuo Haruyama,
der den Look der Straßen von Tokyo, London und Berlin aufnimmt,
zeigt Jungs in grünen oder blauen T-Shirts mit schwarzem Aufdruck,
der erst beim zweiten Blick als ein F, Y oder R der Logo-Initialien
zu erkennen ist. Ein grauer Herrenanzug mit eingenähten lila
Streifenbögen, schmale schwarze Hosen mit bauschendem Gesäß,
kurze Kapuzenanzüge in Schwarz-Weiß-Kringel- oder
Blau-Schwarz-Kringel-Muster kombiniert mit Umhängetaschen und
schwarzen, sportlichen Varianten eines Herrenstiefels mit blauen
oder weißen Klettverschlüssen. Haruyamas Helden waren schon zu
Schulzeiten die Verkäufer der Secondhand-Shops in Tokyo, er kannte
ihre Namen, was wiederum ihn zum Helden seiner Schulklasse machte.
Beendet wird seine Präsentation mit vier Models, von denen jeder
ein T-Shirt mit den Logo-Buchstaben trägt. Lesbar von links nach
rechts: FYYR!
Bei Xiaolu Wang wirken die weißen Herrenunterhemden sehr lang und sehr weit ausgeschnitten. Die Linie ist sexy: viel Brusthaar und gar eine Brustwarze ist zu sehen. Bunte Farben, eine Jacke in knallgelb, eng geschnittene Hosen. Sie steckt Männer in rote Mäntel, in schwarze Netzhosen mit weißen Netzoberteilen, oder in schlafanzugartige Ringelhosen kombiniert mit aus Stroh gedrehten Sandalen. Manche Hosen sind extrem kurz. Es gibt Hosenträger zur Netzhose, gelbe Rauten auf schwarzem Grund. Eine über die Hose gezogene Innenunterhose aus weißem Netz erinnert an Gaultiers Korsett, welches er von einer Unterbekleidung zur Oberbekleidung machte. Die Emanzipation nimmt ihren Lauf.
Wild und rockig geht es außerdem zu bei Ge JingHua aus China. Ihr Label ist inspiriert von den Schuluniformen ihrer Kindheit aus Shanghai. Daher die patchworkartig applizierten, Red & Blue-Abzeichen mit weißen Streifen auf den olivgrün- und jeansfarbenen taillierten Motorrad-Stil-Jacken und eng geschnittenen Hosen oder langen Röcken. Die Abzeichen trugen Klassensprecher. Wer ihre Mode trägt, ist der „leader, who can control“ sagt Ge JingHua. 2003 nahm sie teil am Modewettbewerb in Triest (International Talent Support). Vorbilder sind John Galliano, Alexander McQueen und Jean Paul Gaultier. Ihre Stücke zeugen von raffinierter Schnittkunst und stellen Kleiderkonventionen in Frage. Ärmel reichen oft weit bis über die Hand hinaus. Ein kleiner Stoffpandabär auf der Schulter einer Jacke und ein rotes Paar Telefonhörer, die übers Kleid baumeln, sorgten für Witz und Verspieltheit.
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Allgemein viel zu sehen sind bei den asiatischen Designern Drapagen, Raffungen, Asymmetrie, Dekonstruktivismus, zerschnittene Stücke und streifig wieder Zusammengenähtes. Puffärmel und Puffiges an Rücken oder Schultern, gezurrte Röcke und Stoffüberfluss über klassischen Schnitten. |
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Teilweise
sehr experimentell und viel Plissee. Aber es gibt auch betont
feminine, sehr kindlich kurze Kleidchen in A-Linie wie
beispielsweise von Paper Dolls aus Indonesien oder einfach sehr
elegante Neckholder-Kleider in fließenden Stoffen und cremigen
Farben, beige, rosé und hellblau wie von Chee Au aus Malaysia.
Bei
den jungen asiatischen Designern liegt puristische, schlichte
Kleidung nicht gerade im Trend. Und das ist der Unterschied zu den
Berliner Kollegen. Im Gegensatz zu Stoffspielereien, Drapierungen
und Experimentellem, zeigen die Berliner Labels – Leefleur, Lucy
Bukovsky und Von Gestern – puristischere Designs und ruhigere
Eleganz.
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Vorherrschend die Farben schwarz, beige, grau, wollweiß, also „greige“. Eher ohne Dekor, mit perfekten Schnitten, vereinzelt auch mal verspielt oder kunstvoll gefaltet oder gerafft, edle Stoffe. Ihre Teile lassen vielfältige Kombinationen zu. |
Sarah
Weyrich von Lucy Bukovsky kombiniert ihre eher kurzen Kleidchen mit
orangen oder lila Strümpfen.
Es gibt ein weißes kurzes Kleid am Ausschnitt mit schwarzen Steinen
besetzt, eine raffinierte schwarze Jacke auf Taille. Oder ein gelbes
Kleid, ziemlich kurz, schwingend und zu schwarzer Strumpfhose und
schwarzen langen Handschuhen getragen. Ein frecher Höschenanzug.
Silberne Verschlüsse an den Stümpfen. (Orange, Lila und Rot waren
übrigens auch die Trendfarben auf der New York Fashion Week).
Kleine Hüte verzieren den Kopf.
Sarah Weyrich wollte aus dem
Saarland raus nach Berlin in die Großstadt. „Ich liebe Berlin.“
Berlin biete gute Möglichkeiten für Jungdesigner, es gebe regen
Austausch und vor allem seien die Lebenshaltungskosten gering. Sie
und Jessica Böttcher, verantwortlich für Marketing und
Administration bei Lucy Bukovsky, nahmen freudig an, als Klaus Metz,
Chef der Esmod Berlin und Fashion Patrons, sie fragte, ob sie bei
der InFashion ausstellen und präsentieren wollten. Sie sahen das
als „tolle Chance“, den Namen noch bekannter zu machen.
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Ab
Dezember wird Lucy Bukovsky im Rahmen der Labo Mode eine Verkaufsfläche
in den Galeries Lafayette erhalten. Ihre Kollektion „Lucy Loves.
I’m yours, you’re mine“ dreht sich um das Thema „beste
Freundinnen“: Meist sind zwei beste Freundinnen unterschiedliche
Typen, die eine trägt lieber weiß oder sonnengelb, die andere
schwarz beispielsweise, so Sarah Weyrich. Sie greift nach dem weißen
Kleid mit den schwarzen Steinen am Ausschnitt und sagt, „das hier
ist Sarah und diese schwarze kurze, taillierte Jacke ist Jessica“.
Und was halten sie von den asiatischen Designern? Von Inspiration möchten
sie nicht sprechen, die einzelnen Kollektionen seien auch jedes Mal
sehr verschieden, es ist, wenn, dann eher die Lebenskultur, die
inspirierend wirken könne. Und so verstehen sie sich auch selbst,
über die Kleider soll ein Lebensgefühl transportiert werden.
Aber dennoch: Gibt es einen Austausch? Teilen asiatische und Berliner Designer Blicke, Sichtweisen, Schnitte? Allemal. – Wieder ist es Yasuo Haruyama, der zeitgemäß die grüne Revolution voranträgt, denn ökologisch verträgliche Kleidung ist sexy geworden und die Zahl der „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability) wächst stetig. Auch bei der Berliner Modemesse im Juli waren in der ausgewiesenen „Green Area“ alle Modemarken vertreten, die „Fair fashion“ anbieten. Haruyamas Ingenieur-Studium hilft ihm sicherlich dabei, „organic cotton“ herzustellen. Es sei sein Beitrag gegen die Erderwärmung. Selbst seine Maschinen seien „vintage“, umweltverträglich. 1 Meter zu weben dauere dann aber eben auch sehr lange, dennoch möchte er so wenig Elektrizität benutzten wie möglich. Auch die Farben sind sauber: Es gibt keine Abfärbung, die Farbe bleibt zu 100% bestehen. Asia is changing the world!
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Und was gefiel dem Publikum am Besten? Das ist der bittere Punkt. Am meisten beklatscht wurde die Vielzahl an Exotismen. |
Aber sind die folkloristischen Roben, die goldenen Bambusverziehrungen auf gelb-orange-hellgrünen, figurbetonten kurzen Kleidern, die, dem vietnamesischen Designer Thien Toan zufolge, „nation colour“ und „strength of our people“ symbolisieren sollen, nicht tatsächlich ein altbekanntes Stilmittel? Ist es nicht eine Richtung in der Mode, die es immer wieder gibt, und absolut nicht neu ist? Das Spiel mit Exotik birgt die Gefahr einer Verweisung auf hintere Plätze. Als Design-Genie mit einmaligen Ideen und neuen Errungenschaften werden diese Designer nicht anerkannt werden. Handelt es sich um eine Idee oder um bloße Verzierung? Verarbeitung von Tradition jedenfalls verkommt zur Folklore – sicher, diese ist schön anzusehen und im Rahmen der Asien Pazifik Wochen, in welchem InFashion abgehalten wird, möglicherweise angebracht, aber reicht das, um sich international in der Mode einen Namen zu machen? Wäre Jil Sander so berühmt wie heute, hätte sie der Welt Fischerhemden präsentiert?
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Es wird jedenfalls spannend und aufregend bleiben, diese jungen Talente zu beobachten und ihnen zu folgen. Mit und ohne Einladung zu ihren später sicherlich exklusiven Schauen. Vielleicht wäre Berlin ein idealer Standort für Plattformen junger internationaler Designer. |
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Ein
Vorteil ist sicher: „Berlin is continental“, sagt Mio Nishikimi,
die an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen studiert hat,
aber wieder zurück nach Japan möchte. Das Problem: Asien ist weit
weg. Leider nehmen Fashion Professionals immer noch nicht den Weg
auf sich, Designer vor Ort ausfindig zu machen.
Noch
mehr Fotos von der InFashion gibt es in unserer Music Slide Show:
>>jetzt ansehen
Service-Adressen:
>>Fashionguide
Modedesigner in Berlin und Potsdam
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