Text: Viola B. Haderlein-Hadjam

BBB
Kraftwerk Foto: Archiv Bread
& Butter Berlin
Berlin ist ein großes Experiment. Berlin hatte es nie leicht. Diese
Stadt muss sich bis heute ständig beweisen, aus Trümmern
auferstehen, sich immer wieder neu ordnen, sich rechtfertigen eine
echte Metropole zu sein. Sie wurde beschimpft, besungen, belagert,
kritisch beäugt, verteufelt, bejubelt, gefeiert und belächelt.
Kaum eine Großstadt steht so im Auge der Kritik wie Berlin. Und
keine Stadt hat eine so unerschöpfliche Energie, sich immer wieder
neu zu erfinden. Sie hat kein Ziel, ihr Weg ist das Ziel und es gibt
hier unendlich viele Wege. Genau das macht es so spannend, am bunten
Treiben in dieser Stadt teilzuhaben. Man ist nicht Zaungast, man ist
im Nu mittendrin, hält einen von vielen Fäden in der Hand, und
wenn man sich nicht ganz ungeschickt anstellt, kann man in dieser
Stadt tatsächlich noch etwas bewegen. Und – im Gegensatz zu den
meisten anderen Großstädten – ist das Leben und Agieren hier
auch noch bezahlbar. Eine großartige Voraussetzung für mutige
Experimente...
Doch lassen sich die kreativen Ausbrüche mit der seriösen
Kommerzialität des "Wirtschaftszweiges Bekleidung"
verbinden? Genau das ist die große Aufgabe, die bereits alle
etablierten Modemetropolen mit Bravour gemeistert haben. Mal ganz
davon abgesehen, dass es von Saison zu Saison immer mal hipper ist,
nach Paris und dann wieder nach London zu gehen. In der nächsten
Saison schwärmt das gesamte Modevolk dann wieder von New York ,
usw. Seit nunmehr 4 Jahren gibt es sie nun: eine eigene Mode-Woche für
Berlin, die halbjährlich so viele Besucher anzieht, als würde es
sie schon seit Jahrzehnten geben. Doch Berlin kann sich noch nicht
lange des Rufes als ernsthaft anerkannte Modemetropole rühmen...
Anfangs nahm sie niemand wirklich ernst, die ersten Visionäre, die
bereits Ende der neunziger Jahre die Idee für eine eigenständige
Mode-Messe in Berlin hatten. Wer würde schon in wirtschaftlich
schwierigen Zeiten in einen völlig neuen, unsicheren Standort
investieren? Schließlich seien nur die wirklich etablierten
Messestandorte für Labels und Einkäufer lohnenswert, hieß es
immer wieder aus Mode-Fachkreisen. Zwar gab es keine vergleichbare
zentrale Modemetropole wie Paris für Frankreich oder London für
Großbritannien, aber über lange Zeit hat man sich damit bestens
arrangiert. Und Berlin? Kreativ ja, aber zu unprofessionell.

BBB 2006
G-Star-Show
Während
der Zeit der geteilten Republik hatte in Westdeutschland der
Föderalismus die Orderplattformen zwangsläufig in fast alle
Himmelsrichtungen getrieben: München, Düsseldorf und Köln
behaupteten sich als vorrangige Mode-Messestandorte. Im Osten gab
der Sozialismus die Richtlinien für die so genannte
"Bekleidungskultur" vor. Die Mode widersprach hier schon
allein durch ihre ständig wechselnden Trends und der damit
verbundenen Konsumorientierung dem Ideal des Sozialismus, folglich
gab es keine offiziellen Modemessen im herkömmlichen Sinn.
In den goldenen zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte Berlin
sich selbstbewusst und glamourös als glitzernde Modemetropole
präsentiert. Nach der rüden Zerstörung der kreativen Vielfalt der
deutsch-jüdischen Konfektion am Hausvogteiplatz durch den
Nationalsozialismus, hatte Berlin es dann schwer, eine eigene,
selbstbewusste Handschrift in Sachen Mode zu finden. Bis in die 90er
Jahre hinein verband man mit dem Begriff "Mode in Berlin"
in erster Linie die kreativen Ausbrüche eher unkommerzieller
Labels, die ihre Kreationen allerdings auf außerordentlich
außergewöhnlichen Mode-Events und in spektakulären Locations
präsentierten. Dazu gehörten Off-Modenschauen wie z. B. die
"Off-Line" oder auch einzelne oder im Verbund agierende
Designer.
Der seit 2001 regelmäßig im Sommer stattfindende "Walk of
Fashion" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Berliner Mode
"auf der Straße" zu präsentieren. An Orten, an denen
Mode nicht in diesem Rahmen gezeigt wird – in diesem Jahr z.
B. im neuen Berliner Hauptbahnhof. Als Street-Happening lockt es
inzwischen ebenso einheimische Schaulustige wie auch Touristen an
und ist ein ebenso fester Bestandteil im Berliner Event-Kalender wie
der CSD oder der Karneval der Kulturen. Im Vordergrund steht ganz
klar der Spaß an der Selbstinszenierung, nicht die Verkaufsoption.
Auch bei vergangenen ähnlichen Veranstaltungen von Independent
Labels konnte von Ordern nicht die Rede sein, und darum ging es den
Mode-Machern auch gar nicht. Es ging einfach um das Ereignis an
sich. In Berlin gab es genügend günstige und leerstehende
Locations, viele noch nicht sanierte Rohbauten, die dazu geeignet
waren, Mode an ungewöhnlichen Orten zu inszenieren.

Foto: Archiv
Café Moskau
Seit
der Maueröffnung lockte die geballte Kreativität der neuen
Hauptstadt als Inspirationsquelle Kreative wie Designer und
Trend-Scouts aus aller Welt an. Aber konnte man den
experimentierfreudigen, schrägen Berlinern eine echte Modemesse
zutrauen, die internationalen Standards gerecht wird? Nachdem sich
in den neunziger Jahren mehr und mehr Modelabels in Berlin
niedergelassen hatten, wünschte man sich nun auch eine gemeinsame
Präsentations-Plattform, um international anerkannt und vor allem,
geordert zu werden. Bislang mussten deutsche Designer, die
international erfolgreich sein wollten, ihre Kollektionen in Paris
oder gar in New York oder Tokio zeigen, wenn sie nicht, wie Bernhard
Willhelm oder Kostas Murkudis, ohnehin im Anschluss an ihre
Ausbildung in Antwerpen oder London auch gleich vor Ort ihr Label
gründeten.
Die erste professionelle Mode-Agentur die sich der
vielversprechenden Mode diverser Berliner Designer annahm, war
Girault-Totem, die Mitte der neunziger Jahre die Idee hatte, Pariser
und Antwerpener Designern (u. a. Bernhard Willhelm, Raf Simons) eine
Plattform für die Präsentation ihrer Kollektionen fernab vom
etablierten Paris zu bieten und gleichzeitig ausgewählte
Kollektionen von Berliner Designern mit ins Boot zu holen. Es soll
sogar Gespräche mit der Stadt Berlin gegeben haben. Irgendwie ist
die Agentur mit dem neuen Jahrtausend dann aber irgendwo
verschwunden und mit ihr die ehrgeizigen ersten Pläne einer
grandiosen Mode-Zukunft Berlins.
Nach einer kleinen Pause der Erschütterung kam es doch noch, wie es
kommen musste: Die "Bread & Butter" war im Januar 2003
die erste "Trade-Show", die sich nach Berlin wagte.
Nachdem sie zunächst als "Off-Show" die etablierte
"Interjeans", die parallel zur Herrenmodewoche in Köln
stattfindende Veranstaltung für die Bereiche Street & Denim,
aus dem Rennen geschlagen hatte, siedelte sie nach nur 3
Veranstaltungen in Köln nach Berlin über und wuchs seitdem
jährlich.
Im Dezember 2006 schockte die Meldung das Fachpublikum, dass die
"Bread & Butter" sich aufgrund von mangelnden
Ausstellerzusagen für die Januar-Messe 2007 aus Berlin zurückziehe
und künftig nur noch in Barcelona stattfinden werde. Massiven
Protesten seitens der Kunden und Berliner Aussteller ist es wohl zu
danken, dass dem Schock ein baldiges Aufatmen folgte. So wird es vom
26.-27. Januar eine neuartige Show im ehemaligen Vattenfall
Turbinenkraftwerk geben, die sich selbst das Motto "This is not
a Tradeshow" auferlegt hat. Im ungewöhnlichen Ambiente sollen
dort ca. 30 etablierte Modelabels nach Lust und Laune und ohne
strenge Standauflagen ihre Mode in den Bereichen
"Sport-Street-Urban-Denim" präsentieren.
Zeitgleich mit der BBB zum Jahresbeginn 2003 fand im U3-Tunnel unter
dem Potsdamer Platz die erste "Premium" statt. Bis zur
darauf folgenden Veranstaltung im Juli 2003 verdoppelte sich ihre
Aussteller- und Fachbesucherzahl und fortan war die
"Premium" aus Berlin nicht mehr wegzudenken. Durch den
Rückzug der "Bread & Butter" konnte die
"Premium" neue Labels akquirieren und ihre
Ausstellungsfläche verdoppeln.
| Die vom 26.-28. Januar 2007 stattfindende Messe verteilt sich mit ca. 700 Labels und Brands auf 2 Standorte: Die bereits bekannte "The Station" am Gleisdreieck und den neuen Standort "Hangar 2" am Fughafen Berlin-Tempelhof. |
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Themenschwerpunkte
für die "Selected Brands" auf Extra-Flächen sind der
"Red Carpet Look / Starstyling", sowie der "Northern
Chic", eine Präsentationsplattform für skandinavische Labels.
Die "Premium" hat inzwischen auch eigene Orderplattformen
in München und Düsseldorf.
Neben den großen Messen bewegen sich inzwischen kleine, aber feine
Showrooms, die für Einkäufer und Fachpresse inzwischen kein
Geheimtipp mehr sind: So wird erwartungsgemäss das legendäre
"Café Moskau" vom 27.-28. Januar 2007 wieder Schauplatz
für den Avantgarde-Showroom "Ideal" mit zentraler
Fashion-Show und eigener Kunstausstellung sein.
Niemand belächelt sie heute mehr, die Modemesse-Macher von Berlin:
sie haben etwas geschafft, was selbst der amtierende Bürgermeister
nicht zu träumen gewagt hätte, wie er in einem Interview mit der
Berliner Zeitung im Dezember 2005 bekannte: "Wer hätte noch
vor 3 Jahren gedacht, dass Berlin wieder Modestadt wird?"
Inzwischen ist die "Berliner Mode-Woche“
("Fashion-Week" unter Anglophilen und Modeexperten
genannt) ein Pflichttermin in der Agenda der Fachbesucher aus aller
Welt, der alle Seiten mehr als zufrieden stellt: Die Kreativen, die
mehr finanzielle Möglichkeiten und damit umso mehr Chancen haben,
ihre Kollektionen auf solidem Grund zu platzieren, das Fachpublikum,
das Berlin als ernsthafte Orderplattform schätzen gelernt hat und
die Trendmacher und -sucher, die im Berliner Szene-Gewusel und in
versteckten Winkeln nach wie vor unendlich viel Inspiration finden.
Auch an spektakulären Orten für ihre Präsentationen wird es den
Berliner Designern zukünftig sicher nicht mangeln. Hut ab vor
allen, die in das Potenzial dieser Stadt vertraut und nie aufgegeben
haben, an sich zu glauben. Man kann gespannt sein, mit was sie uns
in Zukunft noch überraschen werden!
Alle genannten Messen sind Fachmessen und demnach Fachbesuchern
vorenthalten. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte die
jeweiligen Veranstalter.
Lesen Sie auch das Interview mit Boris Knoblich, dem Pressesprecher
der Kindermodemesse "Kingly Kids Berlin" in unserer
aktuellen Magazin-Ausgabe, das das brisante Hin- und Her der
"Bread & Butter"-Veranstalter kommentiert. Zum
Interview...
| Literaturhinweise: Eva Kosak, Ingrid Kuntzsch und Ilse Laatz-Krumnow, Jugendlexikon-Kleidung und Mode, VEB Bibliographisches Institut Leipzig (DDR) 1986. Jetzt gebraucht bei unserem Verkaufspartner Amazon: jetzt hier bestellen...
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Das im Artikel genannte Interview mit Klaus Wowereit findet man
unter: berlinerzeitung und Rathaus-Aktuell
Weitere Links:
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Ausgabe Januar 2007



