Text: Viola B. Haderlein-Hadjam

Bai-Ling ("Dumplings") 2005 in Berlin Foto:
Michael Deckbar, Berlinale
Für die Modeinteressierten unter den Cineasten dürfte die diesjährige
Berlinale ein "Retro"-Fest der besonderen Art werden:
Die
20er Jahre
In der „Retrospektive“ wird unter dem Motto "City Girls –
Frauenbilder im Stummfilm" eine der spannendsten Epochen der
Film-Zeitgeschichte wieder belebt: die Goldenen Zwanziger Jahre.
Zahlreiche Filmraritäten aus der damaligen Zeit zeigen, wie
facettenreich sich diese Epoche in den unterschiedlichen Ländern
und Kulturkreisen darstellt (u. a. USA, Dänemark, Großbritannien,
Deutschland, Russland, Japan). Parallel dazu findet in der Deutschen
Kinemathek eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen und Diskussionen
zum Thema statt.
In diesem Zusammenhang blicken wir zurück auf die Anfänge des
letzten Jahrhunderts: Die 10er und 20er Jahre bescherten der Welt
ein neues Frauenbild. In Tanzcafés tanzten die Großstadtdiven
Charleston, die Bühne der neuen Frauenbewegung aber war das Kino.
Die ersten Film-Diven hatten zwar keine (hörbare) Stimme, dafür
aber eine Ausdruckskraft, die nicht nur jegliche Tabus brach,
sondern vor allem zum Vorbild für eine ganze Frauengeneration
wurde. Dramatisches Make-up und hinreißende Kostüme waren schnell
kopiert und alltagstauglich abgemildert bald auch im Straßenbild zu
finden. Kleine, schräg sitzende Baskenmützen, Hosen, schmale
schwingende Kleider und Federboas waren modische Attribute, die bis
heute unverwechselbar mit dieser Zeit verbunden sind.
Der einzigartige Look von Louise Brooks war damals ein absolutes
Novum: der schwarze, gelackte Bubikopf mit akkuratem Pony und
dunkelumränderten Augen ist heute ein Klassiker, der auch von der
Filmbranche immer wieder gerne zitiert wird, (z. B. Melanie Griffith
in "Something Wild" oder Uma Thurman in "Pulp
Fiction"). Auch Asta Nielsen, die als der erste Leinwand-Star
überhaupt gilt, war eine Vertreterin dieser neuen Frauengeneration,
die nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im wirklichen Leben
stets gegen Konventionen anarbeitete.
| Bei der diesjährigen Berlinale wird sie in ihrer ungewöhnlichen Besetzung als dänischer Prinz Hamlet im gleichnamigen Film von 1920 zu sehen sein, den sie übrigens selbst produzierte. Der Film wurde aufwändig restauriert und ist erstmals in einer farbigen Fassung zu sehen. |
|
Die
60er Jahre
Eine weitere modemäßig höchst spannende Dekade waren die 60er
Jahre, die große Zeit der "Nouvelle Vague" in Europa.
Jean-Luc Godard schuf bereits 1959 mit "Außer Atem" nicht
nur eine neuartige Filmästhetik, sondern zeichnete auch ein neues
Frauenbild. Jean Seberg verkörpert darin das Sinnbild der modernen
Frau, die nicht auf figurbetonte Kleidung angewiesen war, um ihre
weiblichen Attribute zur Geltung zu bringen. Vor allem ihr
kompromissloser Kurzhaarschnitt, aber auch die lockere Art, in
T-Shirt, Leggings und Ballerinas, Zeitungen verkaufend die
hochelegante Prachtstraße Champs Elysees hinunter zu schlendern,
machten sie zu einer Symbolfigur für eine neue Generation von
Frauen.
Gegen Ende der 60er Jahre erreichte die neue Filmwelle auch das
amerikanische Kino mit einem Meilenstein der Filmgeschichte.
"Bonnie & Clyde" war der bis dato unkonventionellste
amerikanische Gangsterstreifen, inszeniert von Regisseur Arthur
Penn, dem die diesjährige Hommage der Berlinale gewidmet ist und
der mit vier seiner größten Werke zu diesem besonderen Anlass auch
persönlich anwesend sein wird. Faye Dunaway besticht in dem 1967
entstandenen Film nicht nur durch ihre grandiose schauspielerische
Leistung als Gangsterbraut Bonnie. Mit ihrer Anmut und dem durchweg
eleganten Kleiderstil katapultierte sie sich zu einer Stilikone
ihrer Zeit.
|
|
Der Film löste sogar einen ganzen Modetrend aus: die Baskenmütze, die Bonnie trug, wurde zum Renner und kurbelte die Produktion der klassischen Kopfbedeckung in kürzester Zeit auf die doppelte Menge an. |
Und
ganz nebenbei schuf Kostümbildnerin Theodora Van Runkle, die den
Film ausstattete, eine kleine, feine Hommage an die Nouvelle Vague,
denn ein Hauch von französischer Eleganz ist im Film nicht zu übersehen.
Mode
und Kino – eine Lovestory
Kino und Mode sind seit der Erfindung des Zelluloids untrennbar
miteinander verbunden. Wer erinnert sich nicht spontan an das Kleid,
das Marilyn Monroe in "Das verflixte siebente Jahr" auf
einem Straßenschacht trug, aus dem warme Zugluft strömte und ihren
Rocksaum lüftete? Schauspieler machten mit ihren Filmen nicht nur
Karriere, sondern auch Mode. Marlene Dietrich schockierte in
"Der blaue Engel" mit ihrem Auftritt im Männeranzug. Die
Marlenehose ist heute eine gängige Hosenform, nach Grace Kelly
wurde ein Handtaschen-Klassiker benannt, das "Kelly-Bag".
Wer verbindet James Dean nicht mit dem Image der Rebellion, zu der
die Kombination aus Jeans und T-Shirt damals noch gehörten, heute
unverzichtbare Kleidungsstücke?
Auch die Schauspielerin Audrey Hepburn hat die besondere Bedeutung
von Mode in ihren Rollen schon früh erkannt: Sie schlug vor, den
Couturier Givenchy zu engagieren, um die Kostüme für ihre Filme zu
entwerfen. Es entstanden einzigartige Dokumente der damaligen Mode
und Audrey Hepburn gilt bis heute als eine der am besten angezogenen
Frauen der Welt.
Ein Film, in dem ganz und gar die Mode die Hauptrolle spielt, ist
"Prêt-à-Porter", in dem Robert Altman 1996 die besondere
Symbiose von Film und Mode auf den Punkt gebracht hat. In einem
einzigartigen Aufgebot verschmelzen die von internationalen
Schauspielergrößen gespielten Rollen mit den Stars der Modeszene
im bunten Durcheinander: Kim Basinger interviewt als Reporterin den
Pariser Designer Jean-Paul Gaultier. Was ist Filmfigur, was
Wirklichkeit? Die Mode darf hier wieder einmal zeigen, was sie am
liebsten tut: spielen. Unberechenbar, wie sie ist, präsentiert sie
sich auch im Film, und so überrascht Altman den Zuschauer auf dem Höhepunkt
des Films mit einer Protestmodenschau: Elegant und entrückt wie eh
und je schreiten die Models wie selbstverständlich, allerdings
nackt, über den Laufsteg. Altman schuf hier eine Inszenierung von
Kleidung, wie sie nur im Medium Film möglich ist.
Das gesamte Programm der Berlinale finden Sie hier: www.berlinale.de
Lassen Sie sich anlässlich des Berlinale-Staraufgebots auf dem
roten Teppich auch unseren Trend des Monats zum Thema Red
Carpet Style und unsere Kolumne nicht entgehen, denn hier ist
auch Dr. Trend im Red-Carpet-Fieber!
Das Bild von Faye Dunaway wurde folgendem im Buchhandel nicht mehr
erhältlichen Band entnommen: Allan Hunter, Faye Dunaway. Ihre
Filme - ihr Leben, München (Heyne) 1987.
|
|
City
Girls –Frauenbilder im Stummfilm Bertz Fischer Vlg (ab
1.Februar 2007)
|
|
|
Film und Mode – Mode im Film (Engelmeier), Prestel Verlag Bequem online bestellen bei unserem Verkaufspartner amazon.
|
| leider keine Abbildung verfügbar |
Klassiker
des deutschen Stummfilms (Ilona Brennike/Joe Hembus),
CITADEL-Filmbücher bei GOLDMAN Klassiker des deutschen Stummfilms 1910 - 1930.
|
Möchten
Sie diesen Artikel kommentieren?
Email an: Leserbriefe@modekultur.info
Ausgabe Februar 2007



