Text: Cornelia Liese
Fotos: SMB, Kunstbibliothek

Christian
Dior demonstriert die neue kurze Rocklänge
Linie Vivante, Herbst/Winter 1953/54; Silbergelatine Vintage Print
Die
Kunstbibliothek zeigt noch bis zum 28. Mai eine Sonderausstellung über
das Verhältnis des Modeschöpfers Christian Dior zu Deutschland. In
dem leicht abgedunkelten Ausstellungsraum werden auf 300 qm Fläche
20 Original-Couture-Modelle der Jahre 1947-57, 15 Zeichnungen von
René Gruau und Walter Voigt, 40 Modefotografien von F. C. Gundlach,
Walde Huth und Willy Maywald sowie rund 20 Accessoires gezeigt. In
der Ausstellung sind erstmals die geschäftlichen,
gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen des
Unternehmens Dior zu Deutschland das Thema: Die enorme
Medienresonanz auf Diors Mode, der Starkult um die Person sowie
Diors deutsche Lizenzproduktionen. Genau diese Aspekte werden in der
Ausstellung ausführlich und gründlich mit liebevoll
zusammengetragenen Stücken dokumentiert, nach einem glamouröses
Spektakel sucht man vergeblich.
Eleganz,
Schönheit und Luxus
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Walter
Voigt, Kostüm von Christian Dior Linie H, Herbst/Winter 1954/55 Tusche, Gouache |
Im
Zentrum der dokumentarischen Schau stehen zwei große Vitrinen mit
jeweils 10 eleganten Couture-Kleidern, die für sich selbst
sprechen. Aus der Linie des berühmten "New Look" von
47/48 stammt ein tailliertes Mantelkleid aus Seidenfaille in
schwarz, nach Diors Meinung die eleganteste aller Farben. Das
Charakteristische an dem Look, der vor genau 60 Jahren, am 12.
Februar 1947 präsentiert wurde, ist die Sanduhr-Silhouette mit den
schmalen runden Schultern, der geschnürten engen Taille und den
langen voluminösen Röcken. Wie viel Stoff Dior für dieses Kleid
verwendet hat ist nicht bekannt, für einige seiner Abendroben soll
er jedoch mehr als 40 Meter Stoff verarbeitet haben, so dass sie bis
zu 30 Kilogramm wogen.
Vor allem der extravagante Katalog zur Ausstellung belegt die Lust
der Nachkriegszeit am Luxus. Diors verschwenderische und pompöse
Kreationen schienen eine willkommene Abwechslung nach den
Entbehrungen der Kriegszeit zu sein. Wie kein anderer beherrschte
der am 21. Januar 1905 in Granville (Normandie) geborene Sohn eines
Düngemittelfabrikanten, der ursprünglich für den diplomatischen
Dienst ausgebildet worden war, mit seinen Ideen die internationale
Modewelt. Nach Tätigkeiten als Galerist, Modezeichner und Assistent
des Modeschöpfers Lucien Lelong gründete Christian Dior mit Hilfe
eines millionenschweren Kredites von Textilfabrikant Marcel Boussac
im Oktober 1946 sein eigenes Modehaus in der Avenue Montaigne 30 in
Paris. Mit seinen eleganten Entwürfen avancierte er schnell zum
Modedesigner des Hochadels und der Reichen und Schönen. Obwohl er
nur 11 Jahre bis zu seinem Herzinfarkt im Oktober 1957 hatte,
entwarf Dior 22 Kollektionen und ist bis heute der Inbegriff von
Luxus, Eleganz und Haute Couture geblieben. Diors stoffliche Opulenz
wurde in der Nachkriegszeit zunächst als skandalös empfunden und
sorgte für großes Aufsehen. Mit seiner ersten Kollektion "Ligne
Corolle" (Blütenkelchlinie) schaffte der 42jährige Dior den
Durchbruch, indem er gegen den Strom schwamm und statt langer Jacken
und enger Röcke das zeigte, was man schon lange nicht mehr gesehen
hatte: luxuriöse Haute Couture Mode.
Die Ausstellungsstücke verdeutlichen die verschiedenen Linien, die
den weiblichen Körper zu Sanduhr oder Maiglöckchen, einer 8, H, A,
oder Y formten. Der Saum blieb dabei immer züchtig zwischen Knie
und Knöchel. Neben den Haute Couture-Kleidern aus der Marlene
Dietrich Kollektion wie dem berühmten Abendkleid "Schwarzer
Schwan" aus der Kollektion Herbst/ Winter 49/50, gibt es das
dreiteilige Abendkleid "Saphir" aus der Zigzag-Linie von
1948 zu bewundern, in dem der Filmstar 1951, mit tiefem Dekolleté
und hohem Beinschlitz zur Oscarverleihung erschien, oder ein üppig
mit Blüten bedrucktes Abendkleid aus der Tulpenlinie von 1953, das
aus dem Privatbesitz der Amerikanerin Elizabeth Parke Firestone
stammt sowie die blauen Variante des Kostüms "Acasias"
aus der Sommer-Kollektion 1949, welches Marlene Dietrich in den Film
"Die rote Lola" 1950 trug. Filmstars wie die Dietrich
liebten Diors schmeichelnde Kreationen - allein sieben Ensembles in
der Ausstellung entstammen dem Privatbesitz der Diva.
Kulturpolitik,
Image und Lizenzen
| Parure
mit Collier und Ohrclips von Christian Dior, Herbst 1955 Hergestellt von Henkel & Grosse in Pforzheim Silbergelatine Vintage Print Foto: Willy Maywald Sammlung Ursula und Bert Grosse, Birkenfeld |
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Getreu
seinem Motto: "Mode fängt an den Haarspitzen an und hört an
den Fußspitzen auf", betrachtete Christian Dior Mode als
Gesamtkonzept und entwarf passend zur Kleidung sämtliche
Accessoires, auch für weniger solvente Kundinnen: Neben Strümpfen,
Handtaschen, Hüten und Schuhen auch 24 Modeschmuckgarnituren, die
zwischen 1955 und 1957 in Deutschland produziert wurden. Allem
Anschein nach hatte Dior ein besonderes Faible für Modeschmuck, vor
allem für Strass und Kunstperlen, die sich jeder leisten konnte und
die nach Diors Meinung oft das I-Tüpfelchen waren. "Gerade die
gewisse modische Kleinigkeit sollte niemals billig und nichts sagend
sein. Oft gebe sie der Kleidung eine wichtige persönliche Note",
so Dior in seinem ABC der Mode.
Nachdem er seine Accessoires zunächst selbst produzieren ließ,
vergab er Lizenzen, in Deutschland an den Pforzheimer
Schmuck-Hersteller Henkel & Grosse, die Feinstrumpfwerke Werner
Uhlmann in Lippstadt und die Firma Goldpfeil in Offenbach. 1955 gab
es weltweit 20 Lizenznehmer, 1963 hatte das Unternehmen bereits 65
Verträge abgeschlossen. Dior sechstägige Deutschlandreise im
Oktober 1955, die ihn auch nach Berlin führte stand unter dem
Aspekt der wirtschaftlichen und politischen Annäherung der beiden
Nachbarländer und löste in Deutschland ein unglaubliches
Medienecho aus. Bei einem Interview mit dem RIAS am 5. Oktober 1955
drückte Dior den Wunsch aus, "den Kontakt mit der Hauptstadt
erneuern zu wollen, die für ihre Vitalität bekannt ist"; im
Tagesspiegel war am gleichem Tag, von einem "Triumph der
Berliner Mode" zu lesen. Neben der Aufzeichnung des Interviews
mit Ilse Piechow, das man an der Audiostation in der Ausstellung hören
kann, widmen sich die Artikel in den Modezeitschriften den immer
neuen Trends. So ist in der Constanze im Juli 1953 über den "Shock-Look",
wie die Kollektion "Vivante" 1953 bezeichnet wurde zu
lesen: "Christian
Dior zeigte heute seine Winterkollektion. Stopp. Die Röcke gehen
bis unter das Knie. Ende".
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Starmannequin
Lucky im Dior-Kleid, Paris 1955 |
In
den quäkenden Wochenschau-Berichten werden Ausschnitte aus den zehn
Modenschauen, die in den Jahren von 1949-53 in Städten wie Essen, Düsseldorf,
Hamburg, München und Bad Godesberg stattfanden gezeigt. Diese
fanden ebenfalls eine begeisterte Medienresonanz: Bei den Defileen
war zwar nicht der Modekönig selbst anwesend, dafür aber hohe
französische und deutsche Diplomaten oder ihre Gattinnen, die die
gemeinsame Schirmherrschaft über die deutschen Modenschauen übernahmen
und den Veranstaltungen kulturpolitische Bedeutsamkeit verliehen.
Die als Wohltätigkeitsveranstaltungen inszenierten abendfüllenden
Modenschauen trugen nicht nur zu guter Nachbarschaft der beiden Länder
und zur Verbesserung der Wirtschaftskooperationen bei, sondern
brachten dem Haus Dior nicht zuletzt auch neue Kundinnen und einen
enormen Image-Gewinn ein.
Christian Dior, dessen Todestag sich im Oktober zum 50. Mal jährt,
war vor allem ein weitsichtiger Unternehmer und erhielt 1947 in den
USA den Design-Oscar verliehen. Im gleichen Jahr brachte er mit
„Miss Dior“ das erste Parfum auf den Markt, mit Diorama und
Diorissima folgten weitere. Heute macht das Geschäft mit den Düften
den Löwenanteil der Markeneinnahmen aus. Schon 1949 bestritt das
Unternehmen Dior 75 Prozent des gesamten französischen Modeexports
und die Zahl seiner Mitarbeiter war von zwanzig im Jahr 1946 auf 600
gestiegen. Neben dem Stammhaus entstanden auch Niederlassungen in
New York, London und Caracas.
Schnell hatte Dior erkannt, dass er seine Ideen vor allem in den USA
gut verkaufen konnte und verdiente seit 1949 an jeder Vervielfältigung
seiner Ideen prozentual mit. Bei seinen Modenschauen verkaufte er,
wissend das er sowieso kopiert werden würde, an die Einkäufer
entweder fertige Modelle oder Schnittmodelle mit genauen
Anweisungen, die dann tausendfach vervielfältigt wurden. Ein
solches Stück ist das prachtvoll bestickte Ballkleid der H-Linie
aus der Winterkollektion 1954/55, welches von einer neapolitanischen
Schneiderin, die regelmäßig Dior-Lizenzen erworben hatte, genäht
worden war. Auf diese Art und Weise war ein Dior-Modell dann schon für
80 Dollar zu haben, während das Original 950 Dollar kostete.
Das erfolgreiche Konzept des Hauses Dior setzte nach dem Tod des Gründers
zunächst Diors Assistent Yves Saint Laurent bis 1958, dann Marc
Bohan bis 1989 fort. Danach geht das Unternehmen in den Besitz des
Luxuskonzerns Moët Hennessy.Louis Vuitton (LVMH) über und der Mailänder
Gianfranco Ferré wird neuer Chefdesigner. Seit 1996 prägt der
Brite John Galliano die Marke Dior. An dem von Dior erdachtem Geschäftsmodell
orientiert sich bis heute die gesamte Modewelt.
Service:
www.smb.museum/kb
Ausstellungsort:
Kunstbibliothek, Kulturforum Potsdamer Platz
Eingang: Matthäikirchplatz 8.
Öffnungszeiten: Di-Fr 10-18 Uhr, Sa u. So.11-18 Uhr.
Information: +49(0)30 - 266-2951
Rollstuhlgeeignet
Verkehrsverbindungen: U-Bahn U2 und S-Bahn S1, S2, S25 (Potsdamer
Platz), Bus M29 (Potsdamer Brücke); 200, 347 (Philharmonie)
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Ausgabe März 2007




