Text: Viola B. Haderlein-Hadjam
Foto: Torsten Moebis

In unserem Mode-Glossar gehen wir monatlich 2 Modephänomenen auf
den Grund. Alle Begriffe finden Sie in unserem Glossar.
Das passiert mir nie wieder... "Wie heißt sie denn?",
fragte ich kürzlich eine mir bekannte junge Mutter, in deren
Kinderwagen ich ein süßes Neugeborenes mit rosafarbenem Mützchen
entdeckt hatte. "Er heißt Konstantin", antwortete sie,
lachte, und fügte direkt hinzu, dass sie eigentlich mit einem
Mädchen gerechnet hatte. Sie fand die kleine Plüschmütze so toll,
dass sie Konstantin trotzdem tragen sollte, obwohl rosa für Jungen
ja eher eine unübliche Farbe ist. Zumindest mal schön, dass es
nicht mehr verpönt ist! Insofern war meine Frage auch kein echter
Fauxpas, obwohl ich schon etwas irritiert war. Aber wie man sieht,
hat sich in unseren Köpfen ein festes Bild über die farbige
Zuordnung der Geschlechter manifestiert.
Woher kommt also die Regel, dass die Farbe rosa für Mädchen und
hellblau für Jungen steht? Tatsächlich hat sie sich vor etwa
80-100 Jahren in unserem Kulturverständnis manifestiert, während
es bis dahin umgekehrt war: Betrachtet man Gemälde und Portraits
aus allen Epochen, stellt man fest, dass blau in der christlichen
Farbsymbolik zunächst als die Farbe des Mariengewandes in den
meisten Darstellungen der Maria, als weibliche Farbe galt.
Rot hingegen wurde vorwiegend im Militär und in Adels- und
Königshäusern eindeutig dem männlichen Geschlecht zugeordnet.
Erst mit den beiden Weltkriegen verschwand das repräsentative rot
aus der Militärmode und wurde zunächst durch grau und später
durch Tarnfarben ersetzt. Blau trugen die Matrosen, und auch die
sozialistischen Arbeiteruniformen waren blau. Und so schlich sich
erst nach den 20er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Farbe
blau als männliche Farbe ins Bewusstsein und hellblau wurde als das
"Kleine Blau" Jungen und männlichen Babys zugeordnet.
Rosa blieb folglich für die kleinen Damen übrig.
Kochfeste Farben gab es für das Bürgertum erst seit der Zeit der
Industrialisierung Anfang 1900. Zuvor war Babykleidung aus
praktischen Gründen einfach nur neutral weiß, weil sie kochfest
sein musste. Pastellfarben lassen sich glücklicherweise aber auch
sehr gut kochen... Warum allerdings Mädchen heutzutage so gern rosa
mögen, mag vielleicht an dem inzwischen riesigen rosafarbenen
Kleider- und Spielzeug-Angebot liegen? Jedenfalls frage ich heute
ganz selbstverständlich, wenn ich mir nicht sicher bin: "Ist
es ein Junge oder ein Mädchen?" Auch, wenn ich daraufhin
vielleicht einen irritierten oder gar eingeschnappten Mutter-Blick
kassieren muss...
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Ausgabe Januar 2007

