Die geballte Ladung Fashion - Licht und Schatten der Berliner Modewoche: Eine Nachlese

Hausach Couture Fashion Show
bei der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
Die Berliner Fashionweek, so viel lässt sich auf den ersten Blick sicher sagen, ist angekommen auf der großen Bühne des Mode-Business. Oft ist zu hören, dass Berlin sich etabliert hat im Kalender der Szene, dass Kritiker und internationale Einkäufer keinen Bogen mehr um das Fashion-Highlight an der Spree machen. Der Anspruch darauf, Mode-Metropole zu sein, wird nicht mehr mitleidig belächelt. Im Gegenteil: die Modewelt schaut auf diese Stadt - die zumindest national als die Nummer 1 gilt. Noch vor Düsseldorf! Immer mehr Messerveranstalter aus den Bereichen Fashion und Lifestyle zieht es nach Berlin. Und wo viel Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten - auch wenn vieles so ausgeleuchtet wird, dass keine Schattenbildung möglich ist. Wir werfen einen Blick auf die Ereignisse:
Die Modemessen
Der Bread&Butter-Chef Karl-Heinz Müller hat mit der Rückkehr seiner Messe für Aufregung gesorgt. Nicht nur innerhalb der Szene, weil er gnadenlos seinen "frühen" Termin (20. bis 22. Januar) setzte. Darüber hinaus hat Müller im letzten Jahr eine Diskussion um den Flughafen Tempelhof entfacht, weil er mit seiner Messe angeblich anderweitige Nutzung des Areals blockieren und zudem zu wenig Miete zahlen würde. Das war eine für Berlin typische und kleinkarierte Diskussion. Statt sich über die Rückkehr solch eines Events zu freuen, wird gemeckert.
Auf jeden Fall war die Bread & Butter zweifelsohne ein Magnet. Sozusagen das Zugpferd. Die Tradeshow für Urban- und Streetwear, bei der es in erster Linie um Image und Marketing geht, überzeugte neben der Location mit einer coolen Performance. Die ehemalige Abflughalle als Eingangsbereich versprühte weltstädtisches Flair. Die Messestände waren im überdachten Flugfeld untergebracht, das durch eine 400 Meter lange und 12 Meter hohe Wand winterfest gemacht wurde. Die Gänge waren voll, die Stimmung war gelöst - und die G-Star Show zählte zu den vielen Höhepunkten. Nach Aussage des Veranstalters kamen Fachbesucher aus rund 100 Ländern nach Berlin, um sich das Markenportfolio aus rund 600 Marken, Label und Designer anzusehen. Die Internationalität konnte gesteigert werden. Da darf man schon jetzt gespannt sein auf die nächste Bread & Butter, die vom 07. bis zum 09. Juli 2010 stattfinden wird.

Rena Lange Fashion Show
bei der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
Auch Norbert und Anita Tillmann von der Fachmesse Premium,
die im STATION-Berlin am Gleisdreieck stattfand, zogen ein positives
Fazit. 2003 fand die erste Premium statt. Damals mit 70 Designern.
Jetzt zeigt die Messe nach Aussage der Veranstalter mehr als 900
Kollektionen. Gezählt wurden 41.807
internationale Besucher. Darunter der größte Teil aus Europa.
Erstmals fand auch die Premium Men statt. Hier stellte
Wolfgang Joop sein neues Label 30-06 vor. Man darf
sicher gespannt sein, ob und wie dieser Männer-Bereich zukünftig
angenommen wird. Nach Aussage der Veranstalter war der Anfang
vielversprechend. Vor Ort war ein überdurchschnittlicher
Besucherandrang jedoch nicht zu bemerken - aber hier geht wohl
Qualität vor Quantität.
Darüber hinaus deckte die Premium u.a. mit Sportswear oder
Premium Contemporary Classics (Damenmode, die Glamour und Business
miteinander verbindet) weitere Segmente ab - und bei den
Symposien zu den Themen "Fashion Blogs - Hype or Future"
und "Leder aus Lachshaut" durfte diskutiert werden.
Bei der Premium geht es nicht um den großen "Zirkus",
sondern in erster Linie ums trockene Ordergeschäft.
Neben der Messe gab es auch den Premium Young Designers Award, der bereits im Vorfeld der Fashionweek vergeben wurde. Die Gewinner waren Dawid Tomaszewski aus Deutschland im Bereich Womanswear, das Label Tsicko mit der Designerin Elena Frigato aus Italien sowie das Label Joshua mit dem Designer Arne Niehaus aus Deutschland.
Neben den beiden großen Messen fanden weitere kleinere Spartenmessen statt. THEKEY.TO ist die Messe für internationale grüne Mode, nachhaltigen Lifestyle und Kultur, die zum zweiten Mal in Berlin stattfand. Hier waren Designer anzutreffen, die ihre Kollektionen nachhaltig und sozial verantwortlich produzieren. Und das Konzept überzeugte: nicht Pullover, die entfernt an Kartoffelsäcke erinnern, wurden angeboten, sondern von Bade-, über Streetwear bis hin zu Abendmode durchaus sytlishe Kreationen für verschiedenste Anlässe. Eine sehr gute Idee des Veranstalters war es, am letzten Tag einen "Public Day" durchzuführen, um die Messe so auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man kann nur hoffen, dass es diese Messe auch weiterhin geben wird.

Backstage-Bereich der
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
Die Boudoir (Show for Lingerie and Luxuries), die zeitgleich zu den anderen Messen stattfinden sollte, wurde bereits im Dezember 2009 abgesagt und auf den Sommer 2010 verschoben. Es fanden sich nicht genügend Aussteller. Dafür fand die 5.elements.berlin auf dem Messegelände unter dem Funkturm statt. Hier wurden mehr als 100 Kollektionen aus dem Bereich "Bodywear" gezeigt - und der Veranstalter spricht von einem deutlichen Wachstum gegenüber der ersten Messe im Sommer 2009. Konkret werden 12 Prozent mehr Besucher angegeben. Die Zahl der Aussteller stieg von 48 auf 64.
Erstmalig in Berlin fand die Messe JAM (Jeans and more) statt, die vorher in Köln anzutreffen war. Die Veranstalter zeigten sich jedoch enttäuscht, betonen aber, dass sie am Standort Berlin festhalten wollen. Ein Grund, dass die Messe nicht die Erwartungen erfüllte, waren die Rathenauhallen in Köpenick - die zwar ambitionierte, doch zu abseits gelegene Location.
Nachdem die Fachmesse Spirit of Fashion ("Home for Underground Fashion") im Sommer letzten Jahres abgesagt wurde, fand sie nun im Kosmos in der Karl-Marx-Allee statt. Ob Gothic, Punk oder Rock'n'Roll: hier war Independent-Mode angesagt.
Die Catwalk-Shows

Custo Barcelona Catwalk-Show
bei der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
Zeitgleich mit den Messen fanden natürlich auch Modenschauen
statt. Hierbei lag der Fokus im Zelt am Bebelplatz in Berlin-Mitte,
wo Mercedes-Benz als Hauptsponsor und IMG als Veranstalter die Mercedes-Benz
Fashion Week Berlin mit 25 Schauen durchführten. JOOP!, BOSS
Black und Diesel präsentierten "Offsite", also in
externen Locations. Am Bebelplatz selber, der als
"Austragungsort" sehr umstritten ist, überzeugten vor
allem die Kollektionen von Custo
Barcelona, Schumacher, Lena Hoschek, Anja
Gockel (für die das für manchen Geschmack zu dünne Topmodel
Alek Wek lief), Hausach Couture und Frida Weyer. Ganz
und gar unkonventionell war die Präsentation von Brillenlabel Ic!
Berlin: Geschäftsführer Ralph Anderl eröffnete die Show, in
dem er nackt (bis auf eine Ic!-Brille) auf den Laufsteg kam. (mehr in unserem Bericht zur
Show).
Neben den Brillen wurden auch von verschiedenen Künstlern
entworfene T-Shirts und Jeans gezeigt.
Zumindest für Aufmerksamkeit sorgte die "Michalsky StyleNite". Der Designer Michael Michalsky, der sich auch für die Tchibo-Linie Mitch & Co verantwortlich zeichnet, feierte sich selbst - und neben seiner eigenen Kollektion zeigten im Friedrichsstadtpalast die Label Kaviar Gauche und Lala Berlin ihre neuen Kreationen. Die Resonanz war nach Aussage einiger Augenzeugen eher verhalten, wobei wir uns kein eigenes Bild von der Lage machen konnten, da wir den eigentlichen Insider-Tip der Fashionweek besuchten: den Showfloor Berlin.

Andrea Schelling Fashion Show beim Showfloor Berlin
Im Palais in der Kulturbrauerei fanden vom 20. bis zum 22. Januar insgesamt 10 Modenschauen statt, wobei der Schwerpunkt auf Green Fashion und Nachhaltigkeit lag. Label aus Schweden, Dänemark, Österreich, Großbritannien und Deutschland zeigten bei den durchweg sehr gut besuchten Shows ihre Kollektionen und sorgten dabei für einige Überraschungen (siehe auch unseren Bericht zum Showfloor Berlin). Man darf gespannt sein auf die Sommer-Ausgabe des Showfloor Berlin!
Im HBC in der Karl-Liebknecht-Strasse in Berlin-Mitte fand am 21. Januar .HBC Couture statt - eine neue Plattform für Avantgarde-Mode. Hier präsentierten sich verschiedene Berliner Designer wie starstyling, A.D. Deertz u.a. - und ob sich dieses Event etablieren wird, muss abgewartet werden. Für den, der sich zur "Avantgarde" zählt, ist es vielleicht das Passende. Eindrücke sind bei berlinfashion.tv zu sehen.
Und sonst!?

Anja Gockel Fashion Show bei der
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
Es gab zahlreiche weitere Events. So präsentierte das Taschenlabel sissirossi seine exklusive Evening Silk Bag Kollektion im Rahmen einer ungewohnten Fashion Show im temporären Store in der Torstrasse. Bei projektGALERIE Showrooms zeigten 30 internationale Modedesigner ihre Herbst-/Winterkollektionen in den Segmenten Männermode, Damenmode, Accessoires und Schuhe, während auf der 4. ShowRoomMeile nationale Designer gemeinsam mit internationalen Künstlern aus Wien, Kopenhagen und Budapest ihre Mode-Kollektionen, Retrospektiven oder Projekte, die Mode, Kunst und Design genreübergreifend verbinden, präsentierten. Und wenn wir Anspruch auf Vollständigkeit erheben würden, müssten wir weitere Events aufzählen, was wir uns an dieser Stelle jedoch sparen, da dafür der Platz nicht ausreicht. Damit wären wir jedoch bei einer wichtigen Anmerkung: die Berliner Fashion Week droht manchmal etwas zu zerfasern. Den Überblick zu behalten ist schlicht unmöglich!

Designer Kilian Kerner (Mitte) nach der Show
Der Promifaktor:
Zu Fashion gehört natürlich auch Glanz und Glamour - und die Designer laden zu ihren Schauen möglichst medienwirksame Promis ein, auf die sich die Boulevardfotografen, bei denen es (wenn überhaupt) nur nebenbei um Mode geht, stürzen. Aber: die Promidichte bei der Fashion Week war sehr dünn. Etliche C- und D-Promis, die offensichtlich gerade nichts zu tun hatten, ließen sich blicken. Und vor allem Möchtegern-VIPs wie Liliane Matthäus nervten, bzw. langweilten. Auch eine Natascha Ochsenknecht versprühte nicht unbedingt internationales Flair. An diesem Punkt muss also noch gearbeitet werden! Einzig bei der BOSS black Show waren neben Oscarpreisträgerin Hilary Swank, dem Schauspieler Matt Dillon oder dem Formel-1-Rennfahrer David Coulthard internationale Namen zugegen.
Fazit:
Berlin ist die deutsche Mode-Metropole. Unbestritten! Der Schritt
in die internationale Liga muss aber erst noch getan werden. Nachdem
die Modewoche im Sommer 2009 bereits weltstädtisches Flair bewies,
war diese Fashionweek leider ein gefühlter Rückschritt. Zu
viele der Runway Shows waren nur Mittelmaß. Trends konnten nicht
gesetzt werden - und das kalte Winterwetter tat sein übriges. Im Sommer, wenn vom 07. bis
zum 10. Juli 2010 die nächste Fashion Week Berlin über die
Laufstege der Stadt gehen wird, kann die deutsche Hauptstadt zeigen,
was fashionmäßig in ihr steckt. Hoffentlich ohne kleinkarierte
Diskussionen, ob z.B. das Zelt der Mercedes-Benz Fashion Week
Berlin auf dem Bebelplatz stehen darf. Auf dem ehemaligen
Flugfeld am Flughafen Tempelhof wäre sicher noch reichlich Platz.
Gleich neben der Bread & Butter...
Wie auch immer: wir werden auf einer tagesaktuellen Sonderseite
über das Fashion-Highlight berichten: >>mehr

Matilda Wendelboe Fashion Show
beim Showfloor Berlin
Text: Jörg Buntenbach
Fotos: Michael Wittig
(bis auf Matilda Wendelboe: © modekultur.info)
Linktipps:
Ausgabe Februar 2010


