Text: Jörg
Buntenbach
Fotos: Michael Wittig

Laufsteg aus der Froschperspektive. Hier vor der
No Ifs Fashion Show während der
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin.
Der Designer Kilian Kerner legt Wert
auf eine individuelle Catwalk-Gestaltung, um
so seine neuen Modetrends zu präsentieren
Jeden Tag lernen wir neue Trends kennen, die wir auf keinen Fall verpassen sollten. Die Werber dieser Welt informieren uns über Superprodukte, mit Formeln, die kussfesten Lippenstift noch kussfester machen – oder Haarshampoos, die durch eine Anti-Rezidiv-Technologie unser Leben noch einfacher, glücklicher, gesünder und trendiger machen. Trends versprechen Fortschritt und ein neues Lebensgefühl.
Aber funktioniert das? Sind wir, die modernen Menschen der westlichen Zivilisation, für die Individualität, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung scheinbar über alles geht, anfällig für Trends? Die Antwort darauf ist ein klares ja! Der Siegeszug von Sushi-Bars, der Coffee-to-go-Hype oder der Erfolg der Bionade beweisen das.
Oder nehmen wir das Beispiel Halloween, ein Fest, das ursprünglich am Vorabend von Allerheiligen in Irlan gefeiert und in der 1830er Jahren von irischen Einwanderern in die USA exportiert wurde. Inzwischen ist auch Festland-Europa von diesem Fest infiziert. Fast alle machen mit, obwohl es bei uns keinen kulturellen Hintergrund gibt. Da hat die Industrie mit ihren Marketingstrategen sehr gute Arbeit geleistet – und das macht uns gleichzeitig klar, dass viele von uns nur Mitläufer sind. Mit Trends wird Geld verdient, weil viele einfach dazugehören, ein Teil der Gesellschaft sein wollen. Und das ist durchaus legitim.

Trendsetzung: Muster und Farben in der Mode
Hier bei der Custo Barcelona Fashion Show im
Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
im Januar 2010
Trends kommen nicht aus dem Nichts, sondern entspringen dem Zeitgeist. Eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung mitsamt ihren Veränderungen war immer schon ein Nährboden für das Heranreifen von Trends.
Nach dem 2. Weltkrieg brachten amerikanische Soldaten und nicht zuletzt Schauspieler wie James Dean oder Marlon Brando das amerikanische Lebensgefühl nach Europa – und damit die Jeans, die anfangs von vielen verpönt wurde, und heute das Straßenbild dominiert.
In den 1960er
Jahren hatte der Minirock seinen Hype. Durch die vermeintliche Aufmüpfigkeit
und Respektlosigkeit der Jugend wurde er zu einem Sinnbild in der
Mode, denn er provozierte – und wurde gut verkauft. Das Miniröcke
in der Antike auch als Männerröcke weit verbreitet waren, weiß
kaum jemand.
In den 1930er Jahren wurde die Marlene-Dietrich-Hose vor
allem von Künstlerinnen gerne getragen – und trat erst viel später
im Zuge der so genannten Emanzipation der Frauen ihren Siegenszug
an. Auch das also ein Ausdruck eines neuen Lebensgefühls innerhalb
der Gesellschaft.
Als Trend muss natürlich auch der Klassiker des 20. Jahrhunderts
genannt werden: das "kleine
Schwarze“ wurde 1926 von Coco Chanel „erfunden“. Pikant war
damals, das die Farbe Schwarz eigentlich nur von Witwen und
Ehefrauen getragen wurde. In den 1950er Jahren trug Audrey Hepburn
in „Breakfast at Tiffany’s“ dazu bei, das „das kleine
Schwarze“ zum Verkaufsschlager avancierte und bis heute im Trend
liegt.

Konsequent Retro
Die Designerin Lena Hoschek entwirft
Mode im 50er-Jahre-Look. Hier gezeigt auf der
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
im Januar 2010
Im 21. Jahrhundert ist die gefühlte Trenddichte sehr hoch. Durch immer penetrantere Vermarktungsstrategien und dem vermeintlichen Druck des Marktes sieht sich die Industrie gezwungen, Trends am Fließband zu produzieren. Jeder muss sich im harten Verdrängungswettbewerb behaupten. In der Modebranche kann man das Ergebnis zwei Mal im Jahr auf den Schauen der Fachmessen sehen: ein einziger Trend ist nur selten auszumachen. Zur Zeit spielt unter anderem viel Retro eine Rolle. Vieles wiederholt sich auch oder existiert nebeneinander. Es wird nach Belieben der 1960er Jahre-Style mit den 1970ern und 1980ern kombiniert – und das muss nicht immer schlecht sein, wenn es zum eigenen Typ passt.
Heute ist erlaubt, was gefällt. Und manchmal hat man den Eindruck, dass oft auch das erlaubt ist, was nicht gefällt: Hosen mit dem Schritt in der Kniekehle sind für viele ein Untrend – und für andere der gesellschaftliche Ausdruck einer „Schluffigeneration“, die nichts mit sich anzufangen weiß, mit dem Waveboard durch die Gegend fährt und das Establishment stillschweigend ablehnt. Aber auch diese Generation wird älter werden und den Konventionen der Gesellschaft erliegen. Sicher!
Unsere moderne Gesellschaft mit seinen zahlreichen Gestaltungsmöglichkeiten bietet vielen angeblichen Trends die Möglichkeit, sich zu entfalten. Es gibt nicht mehr den klaren modischen Rahmen wie noch vor 100 Jahren. Damals wussten Mann und Frau noch, was sie zu welcher Gelegenheit anzuziehen hatten. Die Wahlmöglichkeiten waren schlichtweg nicht vorhanden. Der moderne Mensch hingegen hat die Freiheit, sich aus einem reichhaltigen modischen Angebot zu bedienen – und das ist sicher ein Stück weit gut so. Ob ihm das immer zum eigenen Vorteil gelingt, sei dahingestellt.

Accessoires sind Trend: viele Designer entwerfen
inzwischen auch Gürtel, Taschen, Schals etc.
Hier ein Gürtel von Rena Lange - gezeigt im Rahmen
der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin
im Januar 2010
Buchtipp:
Ausgabe März 2010


