
Nanna Kuckuck Fashion Show
zur Verleihung der Goldenen Nase 2009
Foto: © modekultur.info
Findungsphase: Mode in Berlin als Wirtschaftsfaktor – oder doch nur kreative Spielwiese?
Von außen betrachtet könnte man meinen, Berlin sei die
internationale Modemetropole der Neuzeit. Doch wird der Glanz und
Glamour der zwei Mal im Jahr stattfindenden Fashion Week in
Verbindung mit der nötigen Professionalität auch ins Tagesgeschäft
gerettet?
Mit der Frage, ob Mode in Berlin zukünftig als wichtiger
Wirtschaftsfaktor eine Rolle spielen oder weiterhin als kreative
Spielwiese angesehen wird, beschäftigten sich im Oktober gleich
zwei Branchendiskussionen.
Labels Berlin 2 am Osthafen lud am 16. Oktober zum
(kleinen) Branchentreffen ein. Wichtige Personen aus der Modeszene
fehlten. So waren u.a. Anita und Norbert Tilmann von der Premium
Exhibitions GmbH nicht anwesend.
Bei dem Symposium drehte sich alles um die Frage, wie man die
kreative Vielfalt der Stadt auch im Bereich der Vermarktung besser
strukturieren und etablieren kann. Wie schafft man es
beispielsweise, die internationalen Einkäufer nach Berlin zu
locken?
Nach Ansicht von Stefan Sihler, dem Projektentwickler des
Showroom-Areals Labels Berlin, sind wir „an einer
Weggabelung angelangt, an der sich entscheidet, ob Berlin
langfristig Modestadt wird. Dazu müssen sich die Protagonisten
vernetzen und mit einvernehmlicher Stimme sprechen“. Und Christoph
Lang, der Unternehmenssprecher von Berlin Partner, fügt
hinzu: „Die Zeit ist reif für eine gemeinsame Strategie. Wenn die
Szene sich einigt, können staatliche Förderprozesse eingeleitet
werden“.
Das alles sind schöne Worte, die allerdings nichts wert sind, wenn sie nicht auch in Taten umgesetzt werden. Warum hat Berlin Partner zum Beispiel nicht auf vorhandenes Know How zurückgegriffen, als die begleitende Webseite www.fashion-week-berlin.com ins Leben gerufen wurde? Hier wurde das Rad neu erfunden, statt mit bereits vorhandenen Ressourcen (professionelle (!) Berliner Modeblogs, Onlineportale) zusammen zu arbeiten, damit eine größere Reichweite zu erzielen und nicht zuletzt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch (Steuer)-gelder zu sparen? Und was genau ist mit Förderprozessen gemeint? Wenn damit nachhaltig in die Infrastruktur investiert werden soll, die dazu beiträgt, dass Unternehmen sich ohne staatliche Subventionen wirtschaftlich tragen können, sind solche Prozesse sicher förderlich. Als Modestadt braucht Berlin nicht nur Kreative, große Schauen und glorreiche Partys, sondern vor allem solides Handwerk und Kontinuität.
In dieser doch sehr oberflächlichen Diskussion war Bread&Butter-Chef Karl-Heinz Müller der Einzige, der klare Worte fand. Seiner Meinung nach ist es wichtig, sich klar abzugrenzen, als Unternehmer mutig und tatkräftig zu sein und seine Visionen und Ziele gegen Widrigkeiten durchzusetzen. Wie das im Tagesgeschäft aussieht, beweist Müller mit der Bread&Butter. Die Fachmesse für Street- und Urbanwear ist zweifelsohne ein Impulsgeber für Berlin.
Berliner Designer präsentieren ihre Kollektionen
im Rahmen der Berliner Fashion Week
Gehaltvoller ging es am 19. Oktober im Kino Babylon zu. Der Tagesspiegel
hatte eingeladen, um unter der Überschrift „Zu modisch für die
Mode? Wie aus Berlin eine moderne Stadt des Design werden kann“ zu
diskutieren.
Souverän leitete Tagesspiegel-Chefredakteur
Lorenz Maroldt die Runde im vollbesetzten Kinosaal – und die
verschiedenen Standpunkte waren sehr viel näher dran am Tagesgeschäft,
als ein paar Tage zuvor am Osthafen. Da gab es die Nöte der
Designer, die einen unzeitgemäßen Wunsch aus vergangenen Zeiten äußerten
und finanzielle Förderung für sich einforderten. Sei es vom Staat
oder von Unternehmen. Private Mäzen seien natürlich auch
willkommen! Ansonsten würden viele Designer Berlin den Rücken
kehren und nach London oder anderswo hingehen. Dabei dürften öffentliche
Gelder in keinem anderen Land so reichlich fließen, wie in
Deutschland. Abgesehen davon, dass die Lebenshaltungskosten in
Berlin sogar wettbewerbsverzerrend sind, da die Mieten in London,
Paris oder anderen Metropolen wesentlich höher sind. Berlin hat
zumindest in diesem Punkt also gute Voraussetzungen. Nicht zuletzt
deswegen siedeln sich viele Kreative aus dem Ausland in Berlin an.
So hielt der Unternehmer Karl-Heinz Müller auch dagegen, „dass
sich ein gutes Produkt langfristig am Markt durchsetzt“. Auch ohne
Subventionierung. Aber allein auf ein gutes Produkt zu bauen, wäre
fahrlässig, denn mindestens ebenso wichtig sind funktionierende
Strukturen in den Bereichen Buchhaltung, Vermarktung und
Pressearbeit. Ohne diese Säulen funktioniert kein Betrieb. Und hier
müssen viele Designer dazulernen. Kreativität und das Diplom einer
Modeschule allein reichen nicht aus, um wirtschaftlich erfolgreich
arbeiten zu können.
Ganz
nebenbei spielten bei der Diskussion auch mal die „ganz normalen
Menschen“ von der Straße eine Rolle. Diejenigen also, für die
Mode ja im Großen und Ganzen gemacht wird. So wurde festgestellt,
dass es in Deutschland keine Modekultur gäbe. Und auch das wäre in
Ländern wie Frankreich oder Italien ja ganz anders und besser. Und
spätestens hier sollte man sich die Frage stellen, ob man
auswandern, oder aber sich auf die hiesigen Gegebenheiten
konzentrieren möchte.
Das Problem in Teilen der Modeszene ist, dass sie sich nur um sich
selbst dreht, statt sich um den Endverbraucher zu kümmern, aber zum
Glück gibt es einige Berliner Designer, die ihr Profil gefunden,
ihr Konzept weiter entwickelt haben und seit Jahren ihren Weg gehen
und Kollektionen entwerfen, die tragbar und verkaufbar sind, was
nicht mit „langweilig“ gleichzusetzen ist.
Berliner Designer präsentieren ihre Kollektionen
im Rahmen der Berliner Fashion Week
Text: Jörg Buntenbach
Fotos Slide Shows: Michael Wittig
Weitere Infos zum Thema Mode in Berlin:
Linktipps:
Buchtipp:
Ausgabe November 2009

