Text: Sabine Kelle

Foto: MAYER, Berlin
Nur
in Paris, so sagt man, findet man noch die alten Meister der Haute
Couture. „Denkste!“, antwortet die modebewusste Berlinerin.
Alte
Meister aus Berlin
Letztens,
als mich mal wieder der Putzwahn gepackt hatte, fiel mir beim Regal
entstauben ein riesiger Stapel fast vergessener Modezeitschriften
beinahe auf den Kopf und somit in die Hände. „Anfang der
Neunziger. Wahnsinn, das ist ´ne Weile her“ dachte ich. Neugierig
fing ich an zu blättern - und wen entdeckte ich? Eigentlich nur
Namen, die bis heute in aller Munde sind und welche man immer wieder
in diversen Zeitschriften unter der Rubrik "welcher Promi wurde
auf welchem Event in wessen Robe gesichtet" erwähnt findet.
Gar nicht schlecht für uns ach so unmodische Berliner! Und wenn
sich ein Label seit bald zwanzig Jahren am Couture-Himmel hält,
steckt wohl mehr als eine kräftige Portion Glück dahinter. Ich würde
es eine Menge Talent und Ausdauer nennen.
Ars Plissee

Foto: Bernd Hommel
Model: Katja Knigge
Extrem viel Ausdauer muss vor allem eine mitbringen: Inge Langhein. Das hat einen einfachen Grund, sie ist die Meisterin des Plissierens. Was in ihre zarten Hände gerät, kommt meist nicht ohne Falten wieder heraus. Allerdings sind diese gezielt eingearbeiteten Falten etwas komplett anderes, als das, was meine geliebte Nichte mit dem nun nicht mehr ganz so schönen Sommerkleid angestellt hat. Es ist viel eher so eine Art Haute Origami. Und genauso leicht, wie die filigran gefalteten japanischen Papiere, kommen Inges zarte Entwürfe daher. Betritt man ihren von außen lustig gestreiften Laden in der Raumerstraße, findet man sich plötzlich in einem kleinen Feenwald wieder. Wie in einem Traum steht man inmitten schimmernder Kleider die beinahe um einen herum zu schwirren scheinen. Dieser Effekt entsteht dank der ausgeklügelten Faltkunst, die Inge zu ihrem Markenzeichen gemacht hat.

Foto:
Bernd Hommel
Model: Katja Knigge
Das Talent kommt nicht von ungefähr. In einem der letzten Berliner Meisterbetriebe lernte sie das Handwerk von der Pike auf. So einige Male hat sie während ihrer Ausbildung die ewige Handarbeit verflucht, erklärt die Blondine und schmunzelt dabei, aber sie hat durchgehalten. Etwas ganz anderes wollte sie machen, ausgefallen sollte es sein. Also ließ sie zunächst in Charlottenburg ihre Träume Form annehmen. Dann zog sie es Mitte der Neunziger in den damals aufregenden Prenzlauer Berg. Seit bald 14 Jahren bespielt die Frau mit dem absoluten Fingerspitzengefühl nun schon ihren Laden am Helmholtzplatz und hat ihren Stil und damit viele treue Fans gefunden. Liebevoll faltet sie jegliche Materialien, bei denen niemandem sonst so etwas je in den Sinn gekommen wäre. Wer jetzt denkt: „Na toll, sind ja eh nur luxuriöse Einzelanfertigungen, wer soll sich das leisten?!“, liegt ganz falsch. Sicher, wer bereit ist etwas mehr zu investieren, bekommt natürlich ein von Inge Langhein höchst persönlich designtes exklusives Teil. Aber nicht wenige Modelle sind in einer großen Auswahl an Farben und Materialien bei ihr erhältlich. So finden kunstvoll gefaltete grazile Kunstwerke ihren Weg in glückliche Kleiderschränke.
Streng genommen chic

Thatchers
Foto: Nancy Warnke
Gänzlich unkonservativ sind auch Thatchers. Das einzige, was ihr Name mit der strengen englischen First Lady gemein hat, ist die Hartnäckigkeit, mit der sie dem wankelmütigen Modegeschäft und vor allem sich selbst die Treue halten. Hinter dem geschichtsträchtigen Namen verbirgt sich das Duo Ralf Hensellek und Thomas Mrozek, die seit 1995 gemeinsame Sache machen. Seitdem ist ihr Laden in der Kastanienallee von keiner meiner Shoppingtouren mehr wegzudenken. Übrigens auch eine der wenigen Empfehlungen aus dem Stapel vergilbter Zeitschriften, die sich mit meinen definitiv deckt. Was meine alten Magazine noch nicht wussten, seit 2002 gibt es noch eine zweite Dependance des Berliner Labels in den Hackeschen Höfen. Seitdem kommen immer mehr Gäste unserer Stadt in den Genuss, die Entwürfe der beiden kennen zu lernen. Daher begrüßen nun auch japanische Schriftzeichen an der Eingangstür Fans aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Thatchers
Foto: Nancy Warnke
Witzigerweise
lasse ich mich nach all den Jahren immer noch von ihrem Namen
irritieren und dazu hinreißen, etwas, das nach englischem Landadel
aussieht, zu erwarten. Somit bin ich jedes Mal beim Betreten ihres
Ladens aufs Neue von den wunderbar detailverliebten und doch
tragbaren Kreationen der Wahlberliner überrascht. Begleitet von
beschwingter Salsa-Musik tänzele ich fast durch ihr Geschäft und
habe das Gefühl, mir sehr viel Zeit lassen zu können. Die braucht
man allerdings auch bei den vielen schönen Sachen, die einen dort
erwarten. Das Tolle bei den Modellen von Thatchers ist, dass man
trotz der aufwendigen Verarbeitung und vielen Details nie das Gefühl
hat, falsch gekleidet zu sein – bei wirklich keiner Gelegenheit.
Gekonnt schaffen sie den Spagat zwischen legerer Eleganz und
modischer Finesse und erschaffen besondere Kleider mit einem Hauch
Sex-Appeal, die frau sich traut zu tragen. Ganz nebenbei trifft man
die zwei ausgesprochen sympathischen Herren meist höchst persönlich
in ihrem Geschäft an und verbringt gerne noch etwas mehr Zeit bei
einem kleinen Plausch, über die Mode und wie damals alles so
anfing, im wilden Kreuzberg, als sie noch Theaterkostüme
entwarfen…
Gewissenhafte
Mode

MAYER, Berlin
Foto: © modekultur.info
Der
Einstieg in den Modezirkus aus dem Kostümbild ist keine Seltenheit.
Auch Christine Mayer entwarf zunächst fürs Theater, bevor es sie
dann doch Ende der Neunziger in die deutsche Modemetropole an der
Spree zog. Damit gehört sie schon fast zu den „Kücken“ im
Geschäft. Die Kreationen von MAYER sind dagegen sehr erwachsen und
überzeugten schnell Juroren bei diversen Fashion Awards. Nur Mode
war der gebürtigen Schwarzwälderin auf Dauer allerdings nicht
genug, etwas mehr Inhalt musste her. So engagiert sie sich seit zwei
Jahren mit ihrer „peacecollection“
für Kinderhilfsprojekte in Afghanistan. Neben der schillernden Welt
der Mode gibt es eben auch Schattenseiten, und auf die will sie in
ihren Entwürfen aufmerksam machen. Das Resultat: zart drapierte
Kleider aus fließenden Stoffen mit Blütenapplikationen treffen auf
derbe Jacken im Military-Look. Für das Experimentieren mit
Materialien und Techniken nimmt sich die gelernte Kürschnerin immer
noch viel Zeit. So bleicht, chlort, färbt und drapiert sie ihre
Stoffe und lässt daraus ihr ganz eigenes MAYER-Design entstehen.
Durch das Zusammenspiel zwischen Uniform und elfenhaften Kleidern
bleiben die Kreationen der Designerin universell tragbar. Da
verwundert es nicht, dass sie ihre Kollektionen inzwischen nicht nur
in Europa, sondern auch in Japan und den USA vertreibt.
Zeitlos
Treue Fans sind für die Existenz eines Mode-Labels absolut existenziell, ohne sie geht gar nichts. Ebenso wichtig ist eine fundierte Ausbildung, das weiß Ute Hentschel, Macherin des gestandenen Berliner Labels BlackWhite. Wie ihre Kollegen begann sie Mitte der Neunziger ihre Ideen in die Tat umzusetzen und hatte damit sehr schnell Erfolg. Kein Wunder, denn als Designerin und gelernte Schneiderin überzeugen ihre Kreationen nicht nur optisch, sondern auch fachlich.

BlackWhite - Ute Hentschel
Foto: Carl Rauth
Seit 1999 hat sie nun schon ihr Domizil in der
Kreuzberger Gneisenaustraße. Dort macht sie seitdem gemeinsame
Sache mit Molotow, wohl der erste Laden, welcher schon in den
Achtzigern ausschließlich Berliner Design (manchmal sogar aus
Ostberlin rüber geschmuggelt) anbot. Typisch berlinerisch im
Souterrain gelegen hat Ute vor einigen Jahren expandiert, und nun
befindet sich gleich nebenan ihr Atelier. Das ist nicht nur
praktisch für sie, sondern auch für ihre Kundinnen. Der spezielle
Service bei BlackWhite ist nämlich, dass alle Kollektionsteile,
wenn gewünscht, auch auf Maß angefertigt werden. Da erstaunt es
niemanden, dass auf diversen Gala-Empfängen und roten Teppichen
perfekt sitzende Kreationen von Ute Hentschel auf prominenten Körpern
zu sehen sind. Über die Jahre hat sich so ein treuer
internationaler Kundenstamm entwickelt, der das besondere Angebot
von BlackWhite sehr zu schätzen weiß. Eine passende Tasche zum
Kleid oder Kappe zum Mantel, kein Problem, auch das bekommt man
hier. Schließlich soll das Outfit vollkommen sein. Man merkt der Designerin die Leidenschaft, mit der sie ihre Berufung ausübt,
einfach an. Wer einmal etwas in dem geschichtsträchtigen Laden
gekauft hat, kommt garantiert wieder. Spannende Erzählungen aus der
aufregenden Historie des Geschäftes sind natürlich inklusive.
Denn
sie wissen was sie tun
Es ist wirklich beeindruckend, dass gerade in
einer Stadt wie Berlin, die von Veränderung lebt, sich so viele
erfolgreiche Mode-Labels nach ihrem ersten Hype gehalten haben.
Nicht nur das, sie sind über all die Jahre beinahe zu Institutionen
geworden, die man sich gar nicht mehr wegdenken mag. Vielleicht
sollte ich meine alten Magazine einfach mal entstauben und doch noch
ein wenig behalten. Sie sind ja beinahe aktuell.
Lesen Sie auch folgende Beiträge:
- >>Modedesign in Berlin- Teil 1
- >>annAmare - glam- und streetwear
- >>Blackwhite - Ute Hentschel
- >>MOLOTOW - Designermode in Kreuzberg
- >>Langhein Berlin, Mode aus Leidenschaft
Adressen:
- Langhein
Raumerstr. 8, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg
www.langhein-berlin.de - Thatchers
Shop 1:
Kastanienallee 21, 10435 Berlin-Prenzlauer Berg
Shop 2:
Rosenthaler Str. 40/41 (in den Hackeschen Höfen, Hof IV), 10178 Berlin-Mitte
www.thatchers.de - MAYER
Grosse Hamburger Str. 1, 10115 Berlin-Mitte
www.mayer-berlin.com - BlackWhite - Ute Hentschel
Gneisenaustr. 112, 10961 Berlin-Kreuzberg
www.blackwhite-berlin.de - Codierbar?!
Männermode
www.codierbar.com - Weitere ModedesignerInnen finden Sie in unserem
Online-Fashionguide:
>>mehr
Linktipps:
- >>Reportagen über Mode in Berlin
- >>Points of Fashion Berlin
- >>Fashionguide Berlin 2008 (Falt-Stadtplan)
- >>Sonderseite zur Fashion Week Berlin Juli 2008
Vorschau:
In unserer August-Ausgabe 2008 erwartet Sie unsere Reportage über
DENIM - Jeansmode in Berlin...
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Ausgabe Juli 2008







