Text: Sabine Kelle

Foto: Unrath & Strano, Fashion Week Berlin
Foto: modekultur.info
Berlin und die Mode haben eine lange geschichtsträchtige
Beziehung, die in Zeiten der Mauer etwas vernachlässigt wurde. In
den letzten Jahren hat sich Berliner Mode jedoch wieder Schritt für
Schritt zu einem geflügelten Wort entwickelt. Fielen früher den
meisten bei der Frage nach eleganter Mode eher französische
Designer ein, so kommen einem heutzutage immer mehr Berliner Namen
in den Kopf. Dazu zählt nicht nur poppige Mode junger urbaner
Labels, sondern auch exklusive Abendmode aus professioneller Hand.
Sinnlicher Luxus

Foto: ST-Moda
Meine erste Station ist ST-Moda in Charlottenburg. Die pompösen
Kreationen sind mir schon vor einigen Jahren beim „Großen Q“,
dem längsten Laufsteg der Welt, ins Auge gefallen. Seinerzeit
hatten sie so genannte Kokoschniks, eine typisch russische
Kopfbedeckung, in liebevoller Handarbeit mit Unmengen von
Swarowski-Steinen besetzt. Schon damals wurde ich neugierig, wer
wohl hinter diesen aufwendigen Outfits steckt. Relativ versteckt, in
einem alten Backsteingebäude am Salzufer, gelange ich über eine
alte Treppe in das Reich von ST-Moda. Als mich die Frau hinter dem
Label begrüßt verstehe ich auch, woher die Idee mit den
Kokoschniks stammt. ST, das steht für Svetlana Tovarci. Die gebürtige
Russin spielt gerne mit den verschiedenen kulturellen Einflüssen.
Ihre luxuriösen Kreationen versieht sie immer mit einem Touch
russischer Sinnlichkeit.
Ich mache es mir auf riesigen Sofas mit samtbezogenen Kissen bequem, neben mir stapeln sich Bücher über
Geschichte, Kunst und natürlich Mode, an der einen Wand hängen unzählige
ihrer Entwürfe, die andere Wand hat ein befreundeter Maler mit
einem riesigen Fresko versehen.
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In ihrem großzügigen Atelier fühlt man sich wie in einer exklusiven Datscha eines russischen Künstlers. Kaum zu glauben, dass sich in diesen Räumen vor einigen Jahren noch ein Labor befand. Seit vier Jahren sind die Tovarcis vor Ort, mussten aber sehr schnell vergrößern. Die Nachfrage war so groß, da reichte der Platz einfach nicht aus. Nebenan befindet sich nun ein weitläufiges Atelier, wo die Ideen von Frau Tovarci umgesetzt werden. Neben exklusiver Abendmode entstehen hier auch aufwendige Brautkleider und Theaterkostüme. |
Besonders jetzt im Herbst wird es
bei ST-Moda aber extrem geschäftig, denn die Ballsaison steht vor
der Tür. Da geben sich die Kundinnen schon mal die Klinke in die
Hand und nehmen für ein Modell aus Frau Tovarcis Hand auch lange
Wege auf sich. Bis aus dem entfernten Moskau kommen sie angereist,
um sich von der Designerin ein perfekt sitzendes Kleid auf dem Leib
schneidern zu lassen. Apropos auf den Leib, bei ST-Moda gibt es ein
ganz besonderes Kleidungsstück: die Korsage. Hierfür werden super
leichte Stäbchen aus einer Chemiefaser verwendet, welche extra
lange halten und die es so nur bei ST-Moda gibt. Die Korsagen sind
in vielen verschiedenen Versionen erhältlich. Ob aus sinnlicher
italienischer Spitze, aus strengen Nadelstreifen oder englischem
Tweed, immer schmiegen sie sich perfekt an jede Figur und verleihen
dem Outfit eine besondere Note.
Glamouröse Vielfalt

Foto: Crusz
Weiter geht es nach Mitte zu Crusz. Von der sehr belebten Oranienburger Straße biege ich in die recht beschauliche kopfsteinbepflasterte Auguststraße. Ich lande in dem Hochzeitsmoden-Geschäft der Eheleute Pfeiffer. Dieser ist klein, aber sehr fein und beherbergt wunderschöne Brautmode mit allem, was dazu gehört. Neben Kleidern findet die baldige Braut hier Korsagen, Schuhe, Schmuck und vieles mehr. Crusz besteht aber eigentlich aus zwei Läden. Das wirkliche Kleiderparadies ist nur ein paar Meter entfernt. Man betritt einen ebenso kleinen Laden, auf den ersten Blick. Im Erdgeschoss zeigt sich jedoch nur eine kleine Auswahl des gesamten Angebotes. Über eine Treppe gelange ich in die Kellergewölbe, welche die Besitzer in ein wahres Eldorado für Abendmode verwandelt haben. Fast wie in einem Labyrinth schlängeln sich die langen Kleiderstangen durch die ehemaligen Kellerräume. Der Orientierung dienen die farbliche Sortierung und ein großer roter Teppich, welcher sich vom Hauptgang bis vor einen großen goldenen Spiegel zieht.

Foto: Crusz
Da fühlt man sich schon beim Anprobieren wie ein Star und so
ist es kein Wunder, dass dieser Rote Teppich, trotz eines ganz
normalen Wochentags, hoch frequentiert ist. Ich bin wirklich froh,
dass ich nicht am Wochenende vorbei gekommen bin, sonst hätte ich
gar keine Chance mir die vielen tollen Kleider anzusehen.
Anfangsschwierigkeiten hatten die Pfeiffers nie. Zunächst boten sie
Abendkleider eher als Ergänzung zu einem erlesenen Programm junger
Designer an. Sehr schnell waren diese aber der absolute Renner von
Artmission, wie ihr Laden zunächst hieß. Also sattelten die
Wahlberliner um und bauten das Angebot aus. Der Erfolg gibt ihnen
bis heute recht und so wandern hier schon mal tausend Kleider pro
Monat über den Ladentisch. Die inzwischen überwältigende Auswahl
ist über die Jahre stetig gewachsen und bietet einen Hauch Glamour
für jeden Geldbeutel und Anlass. Sogar ein paar eigene Modelle sind
dabei. Die Klientel ist dementsprechend vielfältig. Neben Bräuten
und Hochzeitsgästen stöbern und probieren auch Abiturientinnen und
Tänzer in dem umfangreichen Sortiment, welches sich farblich wohl
sortiert durch die verwinkelten Gänge schlängelt. Will eines der
Traumkleider mal nicht perfekt sitzen, wird es selbstverständlich
von der Schneiderin angepasst.
Einzigartige Goldstücke

Foto: Sterling Gold
Noch ganz benommen von den eben gewonnenen Eindrücken stehe ich wieder auf dem Bürgersteig. Auf der Suche nach mehr Glamour im Berliner Stadtbild begebe ich mich zu Wolfgang Joops neuem Shop „Wunderkind Vintage“. Neben ein paar Touristen, die trotz kühler Temperaturen noch immer in FlipFlops und obligatorischer Gürteltasche umherlaufen, entdecke ich tatsächlich den einen oder anderen schick gekleideten Menschen. Sie alle scheinen in eine Richtung zu laufen, also folge ich einfach einem von ihnen. Nur ein paar Meter weiter in den Heckmann-Höfen werde auch ich von einem wahren Goldstück wie magisch angezogen. Kein Wunder, Sterling Gold leuchtet durch die großen Fenster schon von Weitem wie funkelndes Gold. Ich passiere die weit geöffneten Türen wie eine Zeitschleuse und gelange in einen überdimensionalen begehbaren Kleiderschrank, der einer anderen Zeit zu entstammen scheint. Ich bin sprachlos. Mich empfängt beschwingte Musik aus einem alten Hollywood-Film, dazu summt irgendwo eine Frau. Ganz versteckt hinter den vielen dicht behangenen Kleiderständer finde ich sie. Mit einem Bügeleisen bewaffnet steht dort Besitzerin Andrea Jacobs und bringt eines ihrer Goldstücke in Form. Die Sprache wieder erlangt, muss ich wissen, wie sie an diesen Kleiderschatz gekommen ist. Wir machen es uns in barocken Sesseln bequem und dort erfahre ich die Geschichte von Sterling Gold. Der Laden ist das Vermächtnis ihres verstorbenen Freundes, das die Berlinerin mit Hilfe von Freunden und Familie fortführt.
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Vom eleganten kleinen Schwarzen, über das opulente Cocktailkleid, bis zum schrillen Paillettenbesetzten lila Overall, ob schlicht oder ausgefallen, hier wird man bestimmt fündig. Das Tolle: garantiert niemand trägt dasselbe Outfit. Die hier präsentierte Auswahl an Abend-, Ball- und Cocktailkleidern hat jeweils mindestens zwanzig Jahre auf dem Buckel. |
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Hinzu kommt, dass die erlesenen
Vintage-Stücke aus den 20ern bis 80ern einen weiten Weg über den
großen Teich zurückgelegt haben. Die amerikanischen Roben wurden
somit eventuell schon auf dem einen oder anderen Debütantinnenball
oder zu einer eleganten Cocktailparty unter Hollywoodstars ausgeführt.
Da die wertvollen Stücke logischerweise nicht in mehreren Größen
erhältlich sind, sorgt die hauseigene Schneiderin für die perfekte
Passform. Die hier präsentierte Auswahl von tausend Kleidern ist
unglaublicherweise nur ein minimaler Bruchteil des eigentlichen
Schatzes von sage und schreibe zweihunderttausend Roben! Da passt es
natürlich gut, dass Frau Jacobs im wahren Leben Bibliothekarin ist
und weiß, wie man solch geschichtsträchtige Teile sortiert.
Vintage-Mode, das ist ihre Leidenschaft geworden und dafür opfert
sie sehr gerne ihre freie Zeit. Irgendwie kann ich das sehr gut
verstehen, wer würde nicht den ganzen Tag zwischen solch
einzigartigen Kleidern verbringen wollen.
Filmreifer Auftritt

Jaap, Foto: Jürgen Angelow
Meine Exkursion in Sachen Berliner Abendmode endet im Prenzlauer
Berg. Hier herrscht angeblich eine höhere Dichte an modischen
Leuten und Promis, also sollte ich schnell fündig werden. Ich
besuche Jaap, das Label der Designerin Anja Weingärtner.
Als waschechte Berlinerin müsste sie die beste Adresse für
meine Fragen sein. Ihr Ladenatelier in der Stargarder Straße fällt
sofort ins Auge. Traumhaft zarte Seidenkleider entwachsen
federleicht und ganz natürlich ebenso zarten Birkenstämmen. Die außergewöhnliche
Deko lässt den einen oder anderen Passanten vor ihrem Schaufenster
verweilen und träumen. Wer sich nicht hineintraut, ist selber
schuld, denn die freundliche Inhaberin zeigt und erklärt
gerne ihre Kreationen.
Mit dem Zeigen fing vor knapp drei Jahren
auch alles an. Damals entwarf die Designerin vornehmlich für
Theater- und Filmproduktionen und stellte zu reinen
Dekorationszwecken ihre eigenen Hochzeitskleider ins Schaufenster.
Das kam so gut an, dass die Nachfrage nach einem individuell
angefertigten Kleid schnell stieg. Heute ist das Kreieren von Abend-
und Brautkleidern ihr tägliches Brot.

Foto: Jaap
Das Markenzeichen von Jaap ist Seide, in all ihrer Vielfalt. Ob grobe Bourette-, raue Dupion- oder feine Maulbeerseide, uni oder aufwendig bestickt, die Auswahl ist groß. Kundinnen können entweder aus einer Musterkollektion wählen, oder ihr ganz persönliches Traumkleid anfertigen lassen. Letzteres braucht natürlich Zeit, und so trifft man sich schon an die sechs Mal bis das filmreife Unikat fertig ist. Aber auch, wenn spontan ein besonderer Anlass ins Haus steht und ein Kleid schnell geliefert werden muss, wird Frau bei Jaap fündig.
Um das extravagante Outfit komplett perfekt zu machen, bietet Anja Weingärtner einen ganz besonderen Service an. Eine Tasche oder Hut zum Kleid, das machen ja viele. Bei Jaap werden sogar die Schuhe passend zum Kleid eingefärbt. Und wo gibt es das schon?
Wer nach diesem Kleidermarathon verständlicherweise total ausgehungert ist, geht am besten ein paar Türen weiter zur Bäckerei Hacker, einem echten Berliner Original. Jedoch Vorsicht: Suchtgefahr. Wer gerade zur letzten Anprobe vor dem Großen Tag war, sollte einen großen Bogen um diesen Laden machen.
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Abend- Ball- und Cocktailmode
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Ausgabe Oktober 2008 (Update: Dezember 2010)












